Mail-Art Ost und West.
Kunst als Existenzsignal.

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Mail-Art als private Zusendung aktualisiert unausgesprochen ein in der Kunst bislang weitgehend übersehenes Phänomen, das
in dem Unterschied zwischen zwei Inhaltsformen besteht, wie wir solchen Unterschied von privater Rede und einer
öffentlichen
Ansprache kennen.
Vielleicht ist der Wahrheitsanspruch wie auch Wahrheitserwartung einer Proklamation ein wenig von uralter Tradition her
bereits deswegen mit einer besonderen offiziösen Form verknüpft, weil Proklamationen ehemals nur von Privilegierten, von
Geprüften, Ausgesuchten und Erwählten und dann meist auch in "gehobener" Sprache abgegeben werden durften oder von
solchen legitimiert waren. Wenn Nietzsche von einem "Pathos der Wahrheit" spricht, meint er, zeitgleich mit den modernen
Künstlern seiner Zeit, als Psychologe natürlich einmal das verlogene fromme Mäntelchen, durch das mit Wahrheitspathos
gerade Unsicherheit, Angst und Zweifel aber auch strategische Absicht und oft genug auch Unwahrheit verdeckt werden
sollen,

aber er meint und spürt als Philosoph darüber hinaus auch das Konstituierende jeder Begrifflichkeit einer Erkenntnis, durch die

der naiv Leichtgläubige in gleicher Weise genarrt werden kann.
In der Kunst wäre als Beispiel von der Art öffentlicher Proklamation vielleicht der "David" von Michelangelo oder die
"Guernica" von Picasso zu vergleichen mit der eher privaten Rede der "Schuhe" von Vincent van Gogh oder auch dem
Selbstbildnis eines James McNeill Whistler. Der Unterschied der beiden Aussageformen ist in der Rede nicht grammatisch
oder

terminologisch, sondern nur tiefinhaltlich zu erkennen; und erst recht sind beide Formen in Kunst durch keine Spezifika etwa
durch bestimmte Farben oder Formen, bestenfalls durch das Format zu bestimmen.
Es ist deswegen auch schwierig, zwei unterschiedliche Formen des Ausdrucks klar nebeneinander zu stellen, die es ja auch in
Gebahren, Habitus und Kleidung, wie natürlich auch in der Architektur gibt, - und dies ist wahrscheinlich auch der Grund,
warum die Kunstwissenschaft dieses Phänomen kaum oder nur am Rande thematisierte.
Mail-Art aber ist in jedem Fall privat.
Ein weiteres Formelement mit ähnlichem Gültigkeits- und Wahrheitsanspruch in jeder Kunst- und Kulturepoche sind einfache
Zugehörigkeitssignale in Form von Sprachspielen, Reimen, Stabreim und Sprüchen.
Aber es war sicher dieses subjektiv Private der Mail-Art, weswegen diese "Westkunst" in den Ostblockländern meist nicht
unterbunden wurde, denn sie ist ja nicht gerade unauffällig, sondern man war im Gegenteil sogar zurecht stolz, sich dieses
internationale Flair als Kolorit leisten zu können. Ich konnte sogar bereits in den frühen 80ern mein Plakat für eine Copy- und
Mail-Art-Aktion vor aller Augen an die Chinesische Mauer heften, ohne mißverstanden und behelligt zu werden.
Damit stellt sich natürlich die Frage nach dem weltanschaulichen Aspekt des Privaten im Unterschied oder im Verhältnis zu
jeweils bestehenden offiziellen oder allgemeinen Gültigkeiten, deren Bezugsverlust von der Philosophie der Postmodernen als
Ende aller Ideale und jeder Kultur und der menschlichen Identität und als Beginn von Chaos und Unverbindlichkeit beklagt
wird. Für Mail-Art gibt es in der Tat kein Qualitätskriterium, das irgendwie außerhalb des jeweiligen Kunstobjekts liegt.
Kunstgeschichtlich, philosophisch und ja auch theologisch ist die Problematik bis heute unverstanden und reicht tief in unsere
Erkenntnisstruktur hinein. Während das 2. Gebot aus dem 6. Jahrhundert vor Christi die Anbetung einer Skulptur noch
verbieten mußte, was uns in eine Zeit versetzt, wo das Bild, die Zahl und selbst die Rune noch ein Zeichen mit immer auch
transzendenter Bedeutung war, ist die Renaissance und der Humanismus bereits eine Auseinandersetzung des Individuums ja
nicht nur mit der griechischen Philosophie, sondern auch außersprachlich mit den oben genannten Formphänomen in der
antiken Götter- und auch Götzenwelt; und mit der Modernen ist es schließlich DADA, der die wohl peinlichste Verirrung der
Menschheit als Unsinn bewußt zu persiflieren, zu entlarfen sucht, als könne es ein Wahrheits-medium, -maß oder -kriterium
außerhalb des Menschen oder der menschlichen Erkenntnis geben, von dem wir wissen könnten.
Ohne Zweifel war das Anliegen von DADA und auch der heutigen Mail-Art nicht religiöser und auch nicht moralischer und
schon gar nicht ästhetisch-arbiträrischer Art. Neben allen anderen bis heute diskutierten Aspekten hatte DADA dennoch
angesichts des 1. Weltkrieges, und hat Mail-Art nach der weltanschaulichen Katastrophe auch des 2. Weltkrieges einen
missionarischen Aspekt, der, wenn auch unausgesprochen das Verhältnis von Form und Wahrheit aktualisiert.
Denn nur scheinbar selbstverständlich macht ein Rednerpult die Rede des Redners nicht wahr, wie auch nicht die Offiziösität
als Stil einer Rede Wahrheit herstellt. Und der Spruch "Er lügt wie gedruckt." zeigt, daß allgemein der Druck als
Veröffentlichung und moderneres Wahrheitspathos fälschlicher Weise zur Legitimierung des Gedruckten oder zur Kaschierung

des Unrichtigen benutzt aber auch als Versuchung und Betrug durchschaut wird, wobei jedoch mit Renaissance und
Wissenschaft durchaus nicht selbstverständlich durchschaubar und deswegen von größerer Heimtücke das gleiche Phänomen
im Stil auftritt, wenn Wahrheit oder Qualität durch den dargestellten Gegenstand bzw. durch die Übereinstimmung mit dem
Objekt oder einer "objektiven" Idee, und sei dieses eine Formel, hergestellt oder legitimiert werden soll, als könne der
Gegenstand oder die Idee Beweis für Richtigkeit und Qualität der gegenständlichen oder ideologischen Erkenntnis oder
Darstellung sein. Beides kann letztlich nur zu Kitsch und Schwulst führen.
Während die Moderne sich nur intuitiv sukzessive von solchem Empirismus als Gegenständlichkeit und Platonismus als
Idealismus oder Ideologie löst, sind die Proklamationen von DADA immerhin schon recht bewußt, insofern, als damit DADA
diese Problematik von Form und Wahrheit aufgreift, indem er zum Proklamativen und Offiziösen auch das Gegenständliche
und alle Ideale und Ismen auch der eigenen Proklamation als euphemischen Schwulst und gänzlich unberechtigten
Wahrheitsanspruch oder Wahrheitskrücke persifliert.
Mail-Art als Existenzsignal.
Die Schwierigkeit, hier einen Mißstand und dessen sukzessive Überwindung und zwar als Entwicklung auch bewußt zu
verstehen, liegt darin, daß man das Formale solcher Offiziösität oder des Deklarativen aber eben ja auch des Begrifflichen
überhaupt einerseits von dem ja ebenfalls Formalen einer privaten Aussage andererseits unterscheiden müßte, und man dann
ja
durchaus nicht die eine offiziöse Form nun als falsch, unwahr oder verlogen und die andere Form einfach als einzig richtig,
wahr oder wahrer und richtiger bewerten könnte oder wollte, wie ich nun nicht etwa Mail-Art als einzig richtige und alles
andere etwa als falsche Kunst ansehen dürfte oder wollte, was dann genau wieder ein Rückfall in das überwundene, billig-
Normative einer vorgegeben Wahrheitsnorm wäre, besonders, wo es wohl nirgends sonst so viel Proklamatives gibt, wie in
der

Mail-Art. Im Normalfall würde solches Urteil sogar eher umgekehrt gelten müssen, wie gerade das Proklamative des "David"
von Michelangelo oder das Deklarative der "Guernica" von Picasso eben nicht etwas Falsches oder Störendes sind, sondern
ganz im Gegenteil als Behauptung die Wirklichkeit einer Erkenntnis wie des Erkannten und auch eines Bewußtseins dessen
damit zugleich darstellt wie auch bewirkt, wobei erst heute mit der Philosophie von Gerold Prauss diese Formen als
Strukturen
einer Erkenntnis auch zu verstehen und auch in ihrem richtigen und in ihrem möglich falschen Verhältnis zueinander
nachvollziehbar sind. Natürlich wird ein Scharlatan immer sowohl diese wie auch jene Form als Verkleidung zu seinem Betrug
benutzen können.
Die Moderne ist jedoch ein intuitives Überwinden der naiven Abhängigkeit von diesen Erkenntnis- und Ausdrucksformen.
Und dieses gilt in gleicher Weise von den Sprachspielen und Sprüchen, von denen Robert Rehfeld in Ost-Berlin eine schöne
Sammlung aus jener DDR-Zeit hatte, und die insbesondere aus der ehemaligen DDR eine Eigenleistung und Bereicherung von
Reflexion in der Mail-Art darstellen. Auch hier sind die DADAisten Urgroßväter der Entlarfung, die die Vorstellung
persiflierten, als könnten Pathos und Formen wie Reim und Stabreim Wahrheit garantieren oder herstellen und dürften und
könnten dann umgekehrt Lüge als Wahrheit legitimieren oder durch Beschwören Irrtum in Wahrheit verwandeln.
Keine Angst aber um unsere Kultur trotz aller sinnigen und unsinnigen Sprüche, die mit der sog. Postmodernen, bei DADA als

Urahn auch in der Mail-Art in jeder Art auftauchen oder möglich sind; ist doch "DADA" als Selbstbezeichnung zugleich ein
Bekenntnis kindlicher Sprachlosigkeit aber immer mit dem Hinweis auf das Vorbegriffliche einer Erkenntnis, wie die
Selbstbezeichnung der Modernen der Hinweis auf das Modische von Gültigkeiten ist und auch in der Mail-Art als Idee nicht
etwa Ziel ist, wie die Moderne nicht Ziel der Modernen oder DADA und Mail-Art sein kann, wie Impressionismus - und
jeder
Ismus überhaupt - nicht Ziel der Impressionisten, sondern in der Selbstfindung und Darstellung bisher erst nur ein
alchimistisches Suchen und Probieren dessen ist, was Erkennen, Bewußtsein, Freiheit und Kultur überhaupt ist oder vermag.
Damit aber eng verknüpft bezeichnet der Ahnvater unserer Mail-Art, DADA, als schrille Äußerung reines oder
ursprünglichstes Existenzsignal und ist dieses ja nicht nur als das Erheischen von Aufmerksamkeit eines Babys, sondern liegt
als solches Signal innerhalb jeder Begrifflichkeit und Aussage, wie in der Musik, in der Kunst und allgemein in der Kultur.
Jedes Kunstwerk seit den frühesten prähistorischen Felszeichnungen erleben wir als Existenzsignal. Und uns ist bis heute kaum

bewußt, daß wir genau darin den eigentliche Legitimationsträger suchen.
Bei dem Prozeß der Sekularisierung der Menschheit in dann nahezu 6 Milliarden und bald noch mehr Einzelgültigkeiten ist die
Mail-Art mit einer Adresse und einem freundlichen und zugleich weltoffenen Absender keineswegs eine hohe Schule von
Kommunikation. Vielmehr ordnet sich jede Form, jeder Inhalt, jeder Ismus quasi als Applikation, Stempel oder Sticker
diesem
Ursprung der Kommunikation, nämlich dem Existenzsignal unter.
In keiner Sendung war dieses deutlicher, als wenn die Post aus der Sowjetunion, aus Ungarn, Bulgarien, Rumänien, aus China

oder der DDR kam.
Man kann einwenden, daß sich der obige Aspekt im schrillen Auftritt von DADA nur ansatzweise und zufällig und sich in der
Mail-Art dieses nur Applikative des Formbaren schlicht aus der Begrenzung ergibt, die ein kleiner Briefumschlag und die
Kopier- Postgebühren vorgeben. Natürlich beeinflußt und beengt dieses die Erscheinungsform.
Aber die Affinität als grundsätzliche Verwandtschaft der Mail-Art zum neuen Medium Internet, wo die Speicher- und
Übertragungstechniken nun selbst Datenmengen von einigen hundert oder tausend Seiten Theorie und Philosophie zu
Applikationen einer persönlichen E-Mail-Botschaft machen, ohne daß sich daraus ein Popanz von Dignität oder gar
Wahrheitsanspruch ableiten oder legitimieren ließe, zeigt jedoch diesen Trend als auch logische und richtige Entwicklung, der
keineswegs ein Ende unserer Kultur sondern mit DADA die ersten Laute eines versuchten Anfang ist.

Einbeck, den 15. März 1996 (c) Friedhelm Schulz