Brief an Birger, Teil 2,  Zum Anfang, home, Übersicht
 
Für den Außenstehenden sind diese Sprüche einmal vom Thema her sehr eng; und sie gelten nur für Insider einer recht kleinen Gruppe von Leuten, - etwa 0,0001% der Weltbevölkerung, weil sie von Erziehung, Wohlstand und Bildung her einen elitären Anspruch voraussetzen. 
Elitärer Anspruch heißt, daß man "es" oder "alles" oder "etwas Bestimmtes" besser weiß, als andere. Man distanziert sich damit. 
Gleichzeitig beansprucht man damit aber eine Art Allgemeingültigkeit, oder glaubt sie zu haben. Wenn auch ein Reave oder die Berliner Technoveranstaltung im letzten Sommer für Insider den Eindruck von möglicher Allgemeingültigkeit vermitteln könnte, hat der Rest der Bevölkerung jedoch andere Sorgen - und auch andere Sprüche. Aber darauf, nämlich auf den jeweiligen konkreten Inhalt, kommts mir in diesem Brief gar nicht an. 
Solche Sprüche als Gültigkeitsbeschwörungen gibt es seit ewig. Die Chinesen und Inder und auch die Juden sammeln seit Jahrtausenden solche Sprüche. 

Als Tenager erfreut und erkennt man sich eigentlich ganz harmlos damit, weil man so irgendwo dann mitmacht und dazugehört - ohne viel nachzudenken.
Robert Rehfeld hatte eine schöne Sammlung von DDR-Sprüchen, die sich meist mit der Schwierigkeit zwischen Individuum und System befaßten.
In dem sehr guten und typischen Aufsatz von Schwering "Anders Eigen", den ich Dir als Beispiel nochmal dazulege, wird der Geltungsbereich dieser Sprüche als "Plateau" bezeichnet, dessen "Stabilität einerseits durch die Identität von Symbol und Bedeutung sowie andererseits durch Hegemonie gewährleistet zu sein scheint". 
"In der Folge entstand so der Eindruck eines Plateaus, dessen Stabilität einerseits durch eine Identität von Symbol und Bedeutung sowie Hegemonie der Symbole gewährleistet zu sein schien."(Seite 4)
Schwering meint mit Symbol nicht ausdrücklich solche Sprüche, die zum einen Erkennungssymbol und zum anderen zugleich auch noch ihre Bedeutung haben, sondern auch Kleidung, Ohrringe, Frisur, Musik- und Sprachspielstil, Minenspiel, Sozial- und Sexualpraxis u.s.w.. Die Autorenschaft der "Codes" und Formeln geht nicht auf irgendeine Satzung oder Theorie zurück, sondern entsteht, verändert sich und vergeht in Herkunft und Verantwortung anonym.

Trotzdem wird nicht ganz klar, was Schwering meint: Da er sich hier mehr auf die Erscheinungsform der Szene und ihre weltanschaulichen "Selbstverständlichkeiten" bezieht, und zwar nur der POP-Szene, spricht er nicht ausdrücklich über das Verhältnis bzw. Mißverhältnis dieser Szene zur übrigen Gesellschaft, von der sich die Szene aber mit solchen Sprüchen und anderen Symbolen abgrenzt, unterscheidet - und ja auch unterscheiden will, obwohl andererseits die ürbrige Welt im Sinne dieser Symbole verändert werden soll. ("Präzise hier aber kann das Potential zu einer Destabilisierung und Ablösung maroder Realitätsmodelle liegen."[letzter Satz]), womit er die übrige Welt außerhalb der (POP?)-Szene meint.
Deswegen ist der Satz auch nicht ohne weiteres verständlich. 

Wie gefährlich diese Einfachheit mit dem quasi automatischen Hegemonieanspruch ist, wird einem deutlich, wenn man sich innerhalb dieser Liste von "linken" Sprüchen die entsprechend "rechten" Sprüche vorstellt, (die ich nicht einmal aufschreiben will,) die sich aber fast nahtlos in diese Sprache einfügen und in gleicher Weise funktionieren und Allgemeingültigkeit verlangen. Schwering beschreibt recht gut, wie plötzlich und unbemerkt der "Nazirock" in dieser Szene entstehen konnte. Er geht davon aus, daß in der Szene Form und Inhalt gleichgesetzt werden, was allerdings nur halb richtig ist, denn er umschreibt nicht die Schwierigkeiten in dem Verhältnis (bzw. Verständnis) von Form und Inhalt, worüber sich die Philosophen seit 2½Jahrtausend streiten - so als sei dieses klar - aber Schwering ist immerhin soweit richtig, - wie leicht man z.B. Ordnung als Form einerseits und Faschismus als Inhalt andererseits gleichsetzen kann und dem dann Anarchismus als die bessere Alternative entgegenstellen kann,  wie auf der anderen - rechten - Seite dann Nation, Ordnung  und Nationalismus über solche Nationalsymbole gleichsetzt werden. D.h., man ist dann entweder Nationalist oder Anarchist. 

Natürlich ist die Sprache von Schwering eine Zumutung an Kompliziertheit, obwohl er noch wahnsinnig vereinfacht, und vielleicht sogar sträflich mißverständlich vereinfacht. Und er scheint sich darin zu gefallen, (worüber Du Dich vielleicht ärgerst). 
Aber wenn man veröffentlichen und wissenschaftlich akzeptiert werden will, versagen natürlich solche einfachen Sprüche (besonders, wenn man über solche Sprüche schreibt), und man muß dann schon ausführlicher werden und man muß zugleich andere Theorien, die zu diesem Thema bestehen, direkt und indirekt mitbeantworten. Andererseits muß sich Schwering kurz fassen, um überhaupt gelesen zu werden. Und da er zur Szene gehört, darf er die Szene bei aller Selbstkritik, die ich eben gut finde, nicht als negativ hinstellen, zumindest darf er nicht so einfach verständlich ihre Schwachpunkte offenlegen, daß ein Außenseiter, der für Schwering natürlich immer ein Dummkopf ist, daraus Argumente und Schlagwörter gegen die POP-KULTUR bzw. gegen die Szene ableiten könnte.
Wenn man z.B. diesen Satz von Schwering, (Zitat Nr. 1)
"In der Folge entstand so der Eindruck eines Plateaus, dessen Stabilität einerseits durch eine Identität von Symbol und Bedeutung sowie Hegemonie der Symbole gewährleistet zu sein schien. Doch zentriert diese virtuelle Transparenz von Pop-Praxis das Subjekt des Aussagens ausschließlich auf sein Ausgesagtes hin, d.h. auf die Artikulation eines Anspruches, nicht eines Begehrens - und letztendlich auf die Einhaltung korrekter Rollensemantik."
anders formuliert, könnte er lauten:
" Die Sprüche und Zeichen sind Allgemeingültigkeiten einer bestimmten Allgemeinheit, die ein ein bestimmtes Ziel hat und zu der man gehören möchte."
Und dann sieht man sofort, daß Sprache überhaupt, daß also jede Sprache und Kultur so funktioniert. Bereits jedes Wort einer bestimmten Sprache kann man derart als Symbol und Bedeutung mit einem Gültigkeitsanspruch und Gültigkeitsbereich (Hegemonie von Symbole und Bedeutung) sehen. Sobald daraus jedoch ein Allgemeingültigkeitsanspruch wird, würde von einer Sprache aus gesehen jede andere Sprache oder jede andere Kultur und Bedeutung ungültig, - wonach man sich dann als Beispiel für die möglichen Folgen die gegenseitigen Vernichtungskriege und selbst die Weltkriege als Beispiele nur vorzustellen braucht, was bedeuten müßte, daß die Struktur also eher eine archaische oder urfaschistoid-konservative als eine anarchische Struktur ist. Schwering sieht auch dies, aber er geht davon aus, daß Code und Bedeutung der Szene nur eine subversiv-strategische Form ist, um die Welt zu verändern, und nicht echt geglaubt wird. 

Der Aufsatz von Schwering wurde mir von der Mail-Artistin Edith van Hoef aus Belgien geschickt, die mit mir über Kunsttheorie korrespondieren will. Ich habe den Aufsatz in die MA Nr. 23 aufgenommen, weil ich daraus zitieren will - und zwar in meinem Aufsatz "No walls in Mail-Art and Internet" or "from Encyclopedism to Internet" (Internet, wo sich die Rechten ja ebenfalls breitmachen) in dem ich unter anderem das Verhältnis von DADA zu den Wahrheiten und Werten des 1. Weltkrieg analysiere. 

Ich will den negativen Aspekt der obigen Szene durchaus nicht dramatisieren. Nicht nur die Europäer sind für Sprüche zugänglich, die natürlich neben dem Kultischen auch okultische Wirkung und Bedeutung haben können. Wie solche Wirkung dabei (aufgrund von "kleinen" Denkfehlern) entsteht, analysiert eine ganze Dimension gründlicher als Schwering der Philosoph GEROLD PRAUSS fast ohne Fremdwörter, - allerdings ist dieses nicht weniger kompliziert zu lesen und zu verstehen. (siehe beiliegenden Text von Prauss), - was zu lesen ich aber trotzdem jedem empfehlen kann. Wieso die DADAisten - wenn auch mehr intuitiv - eben nicht gegen die Akademie sondern gegen Akademismus, nicht gegen Stil sondern gegen Ismen in der Kunst und damit auch gegen DADAismus bei DADA waren, ist gedanklich analysiert eben recht schwierig. 

Ich will in einem Statement zur Mail-Art versuchen, gerade den Unterschied zu betonen, der wie in der Sprache zwischen Rede und Veröffentlichung auch in der Kunst besteht, - was von den Kunstwissenschaftlern bis heute noch gar nicht wahrgenommen oder beachtet wurde, - was sich aber in der Mail-Art als eine weitere Art Grenzgang vermischt, - wodurch aber erst Mail-Art auch im Osten - und zwar als Grenzgang dann auch über den eisernen Vorhang hinweg - möglich wurde, ohne daß dieses als "Westkontakt" gehindert und strafbar gemacht wurde. Im Gegenteil scheint man über diesen Hauch von "harmloser" Internationalität und Öffentlichkeit recht stolz gewesen zu sein. Ich habe sogar einmal meine Plakate an die Chinesische Mauer geheftet, ohne Schwierigkeiten zu bekommen. (Ich schicke Dir ein Foto davon und ein solches Plakat.) Welche besondere Bedeutung dabei solche Beteiligung für jemand aus der DDR, aus Polen oder Jugoslawien hatte, interessiert mich natürlich sehr.
Welche Bedeutung Mail-Art überhaupt für Absender wie für Empfänger hat, ist im Allgemeinen natürlich bei jedem verschieden und wurde mir als ein ganz modernes Phänomen neuester Zeit erst bewußt, als ich die Begeisterung im Internet und dann den allgemeinen Ärger kennenlernte, als kürzlich irgendwelche Gerichte im Internet eine Art Gesinnungskontrolle aufziehen wollten.

Damit stellt sich nämlich die Frage, ob Mail-Art Kunst und Kommunikation in einer bestimmten Art ist oder aber eine bestimmte Weltanschauung. Wäre Mail-Art eine weltanschaulich homogene Sekte, wäre Mail-Art keine Kunst.
Der Aufsatz von Schwering ist genau in diesem Punkt fantastisch weil beispielhaft,wenn er auch Weltanschauung überhaupt nicht thematisiert, sondern unausgesprochen nur zwischen "Richtig" bzw. selbstverständlich ( = "Links") und "Falsch" bzw. abartig ( = "Rechts") unterscheidet, - wobei es in der "Linken", als was er sich irrtümlicher Weise selbst empfindet, (alternativ wäre in der Tat präziser) also ein quasi pathologisches Geschwür gibt, aus dem der alarmierende "rechte" Eiter quillt. 
Wenn man sich die obigen Sprüche anguckt, sieht man ganz klar, daß Schwering selbstkritisch eine Szene beschreibt, aus der er kommt, die er befürwortet und die er weltanschaulich "links" im Sinne dieser Sprüche ganz selbstverständlich als richtig findet, - wobei er recht scharfsinnig die Gründe, die zu einem faschistoiden Nazirock führen können, in der Struktur dieser Szene sucht,  was er wie eine Art Krankheit versteht, und zwar als ein "postmodernes" Identitätsproblem. Dieses Identitätsproblem besteht bei ihm eben nicht nur bei den Abweichlern, also den rechten Skinheads und Nazirockern, sondern auch bei den "Richtigen" den "Linken". Das heißt: Das Problem liegt in der Zugehörigkeitsstruktur und ist auf beiden Seiten von gleicher Art.

Ich bin 1933 geboren und habe als Kind noch erlebt, wie man sich scheinbar ganz normal untereinander und auch beim Bäcker mit "Heil Hitler" begrüßte. Das ist heute als "Normalität" gar nicht mehr vorstellbar, obwohl solche Erkennungssprüche in der Disko oder auf T-Shirts im Prinzip genauso funktionieren, wie z.B. in Bayern das "Grüß Gott".

Als ich etwa um 1982 mit der Mail-Art anfing, sah ich auch da ähnliche Tendenzen. Seit eh zur "Linken" gehörend störten mich nicht diese Sprüche überhaupt nicht und auch nicht Graphities. Beides halte ich für Kunstformen. Mich störte nur das, was auch Schwering zurecht als "eine Existenz" bezeichnet und kritisiert, die sich selbst nur als "fluktuierendes Moment semiotischer Prozesse" versteht, womit er eine Szene beschreibt, in der jeder sich sowohl solchen Sprüchen oder Symbolen anschließt, nur um dazu zu gehören, so daß jeder jedem wie einer Hammelherde hinterherläuft, wie der Einzelne dann andererseits dabei seine private Überzeugung bzw. Identität aufgibt, und dieses sowohl, wenn man mehr oder weniger zufällig der "Linken" wie auch, wenn man der "Rechten" Szene hinterherläuft. 
Solche Hammelherden oder Modeerscheinungen störten mich bis dahin eigentlich auch nicht. Nur als sich damit ein bestimmter Zwang, eine regelrechte Gesinnungskontrolle bis hin zum Zwang und zur Kontrolle des Sexualverhaltens verband, und man mir sogar das Mitmachen in Mail-Art regelrecht zu vermiesen oder auszureden versuchte, nur weil ich Christ war und keinen Gruppensex und Partnertausch mitmachte, erfuhr die die Problematik, als ich entsprechend "gedisst" wurde, (wie es Schwering ausdrückt) was man auch Mobbing nennen kann. Natürlich war das nicht "Mail-Art" überhaupt, sondern nur bestimmte Typen in der Mail-Art, - wie es da auch Faschisten gab, - von denen ich selbst zwar nie Post bekommen habe; aber Robert Rehfeld zeigte mir faschistische Mail-Art aus Südamerika.
Meines Erachtens ganz zum Thema der Postmodernen machte ich meine erste eigene Copy-Art und Mail-Art Aktion mit der Frage nach "Phantasie, Glauben und Wissen", wie sie die Philosophen K.R. Popper, Derrida, Deleuze, Lacant und hauptsächlich Lyotard in den USA und Wolfgang Welsch und Prauss in Deutschland zur Postmodernen bis heute diskutieren, und ich bekam unheimlich viele Zuschriften. Über Tausend! In New York fand ich eine entsprechend große Galerie, über 200 m², wo ich alles ausstellte, und wo ich mich zugleich mit einem Aufsatz von solchem Gruppenzwang, den ich ähnlich wie Schwering als  "soritistisch-eklektizistisches Paralyse- Symptom" definierte und abgekürzt (wie auch hier im Folgenden) "Sepsy" nannte. 
Die Stimmung in New York war zuerst auch feindselig. Der deutsche Künstler Weichberger in New York warnte mich sogar, und meinte, daß ich nach diesem Aufsatz New York wahrscheinlich nicht mal lebendig verlassen würde. Es erschien anfangs auch keiner von den Mail-Artisten in der großartigen Galerie, außer Citizen Kafka. Erst nach einem Rundschreiben, in dem ich Mail-Art mit Jazz verglich, wo Luis Armstrong sein "Icecreme" und Mahalia Jackson ihr "Oh my Lord" nebeneinander singen konnten, ohne sich anzufeinden, besuchten mich sehr viele, so daß ich sie persönlich gar nicht mehr auseinanderhalten konnte. Alles lief gut. Eines Morgens tanzten fünf oder sechs als Hexen verkleidete Frauen einen wilden Tanz direkt vor der Galerie, - aber ohne mich persönlich anzusprechen. Ich fand das sehr schön und geheimnisvoll. Eine schob mir ihre Adresse unter die Tür.
Erst als ich die Ausstellung in Berlin wiederholte, - eine Galerie "Kunstlicht" mit 6 schönen Räumen hatte zugesagt, -  bekam ich echte Schwierigkeiten, - die aber hauptsächlich eine ganz andere Ursache hatten - nämlich mit einer Immobilienmauschelei des damaligen SPD-Senats mit der Kirche, in die ich zufällig hineingetappst war, und weswegen man so ziemlich alles auf mich hetzte, was sich mit wenigen Telephonanrufen so aufhetzen ließ, und wobei die Ärsche mich je nach dem, bei wem sie mich anschwärzten, als Kommunist, Faschist, CIA-Agent, Terrorist, Homosexuellen- und Frauenfeind, Kinderschänder, als Dieb, Steuerhinterzieher, Assozialen, Geisteskranken hinstellten, womit man mich isolieren, in Wahnsinn, Paranoia und Armut treiben und mich mit allen Mitteln zum Schweigen bringen und unglaubwürdig machen wollte, denn mehrere Zeitungen druckten vorher fleißig meine Pamphlete. Was in New York ein schöner Tanz war, wurde in Berlin nun zu einem wahren Hexenkessel, - Eure Stasi war dagegen ein Waisenknabe.Die Mail-Art-Ausstellung kam zwar ins Fernsehen; mein Name wurde aber im letzten Moment gelöscht. Daß ich die ganze Scheiße, die ich hier jetzt nicht total ausbreiten will, - und auch einen Schwamm drüber machen will (sie meinten's ja gut und wurden ja selbst mißbraucht und verarscht)- , dann aber überhaupt überlebte, war echt ein Wunder. Aber ich verlor dabei meine Familie und alle Freunde, meine Wohnung, meine Arbeit, jede Möglichkeit auszustellen, und mit einem unglaublichen Aufwand wurde mir die Senatsunterstützung für genau dieses Projekt blockiert. Mail-Art war aber sozial gesehen der Strohhalm, an dem ich mich festhielt. Graf Haufen lud mich zu einem Gespräch ein, das wir mit vielen Fotos und auf Tonband aufnahmen.Natürlich vermischte und durchsetzte sich die Treibjagd auch mit Sepsy. 
Sepsy ist, wenn auch eine Randerscheinung der Postmodernen, in der inneren Sozialstruktur eine Meute, die man echt negativ sehen muß, was ich damals einsehen mußte, soweit sie sich spielend leicht für Mobbing und Treibjagden gegen Menschen aufwiegeln läßt, - weil dort eben wenig gedacht sondern spontan gehandelt wird und Sprüche bzw. "Rechts" und "Links" schon gar nicht kritisch hinterfragt werden.Nichts ist ekeliger, als wenn Freunde plötzlich zu heimtückischen Intriganten werden und dich ansehen wie ein Insekt, das man tottreten, "fertigmachen", "hintergehen", "auflaufen lassen" darf und "das ohnehin ausgespielt" hat.
Obwohl mir dies alles ziemlich unter die Haut ging und ich heute noch aufpassen muß, daß nicht meine Bremsleitung durchschnitten, meine Radschrauben gelockert, meine Nummernschilder abgeschraubt, die guten gegen schlechte Reifen ausgewechselt wurden und tausend Dinge sonst, die alle passiert sind, - ich lernte dabei, wie die Frauenvereine einen Frauenfeind bekämpfen, die Homosexuellen einen Homosexuellenfeind, die Kinderschützer einen Kinderschänder, die Linken einen CIA-Agenten, die Rechten sowohl wie die Geheimdienste einen linken Terroristen, -alles initiiert wegen der Immobilienmauschelei, wobei man natürlich ausgrub, daß ich bereits in den 50ger Jahren Ostkontakte hatte und Anfang der 60er Jahre (nicht zuletzt wegen der damaligen unmenschlichen Massaker in Griechenland, Indonesien und Afrika an Kommunisten und Befreiungskämpfern gegen Kolonialismus - ) sogar in die DDR auswandern wollte, wo ich aber abgewiesen wurde - * * * aber ich beschränke die Postmoderne mit all diesen leicht instrumentalisierbaren Strukturen im Gegensatz zu den amerikanischen Philosophen wie Lyotard, Gunter Stent oder den Deutschen Wolfgang Welsch oder auch Schwering nicht auf diesen durchaus auch vorhandenen latent negativen Aspekt der Kulturlosigkeit, als hätten wir damit das Ende jeder eigenen Kultur und Identität erreicht, sondern ich sehe dahinter genau das Gegenteil, worauf ich mit meiner Aktion hinaus will.
Es gibt in der Szene, insbesondere aber in der Mail-Art und auch in der sog. Chaosszene - einer modifizierte Anarchoszene - neben dieser mehr intuitiven Blindheit des gedanklichen Herumspielens aber auch recht klare Strukturen, die ihren Wert gerade dadurch haben, daß sie eben nicht als Programm, Idee, Ismus, wahr bzw. richtig oder falsch, gut oder schlecht, wir und die anderen ein Dogma sind, sondern gerade vielmehr antidogmatisch, frei, offen, privat, subjektiv und ohne festgelegten Ismus.
In der Philosophie über die Postmoderne wird aber genau das sehr negativ gesehen.Man kann natürlich den Pessimismus der Amerikaner verstehen. Vielleicht ginge es mir nicht anders, wenn ich nach Amerika oder sonstwohin in der Welt käme, und fände peinlicher Weise überall nur deutsche Mode, deutsche Sprüche an Wänden und T-Shirts, deutsche Lieder, deutsche Kinderspiele, deutsche Restaurants und deutsche Technik, deutsches Fernsehen und deutsche Filme u.s.w, - alles mehr oder weniger schlecht imitiert, nachgemacht und in überholter Manier. Vielleicht sähe ich dann auch nur noch den Identitätsverlust, und zwar als ein Problem, wenn ich genau nur das oberflächlich Formale solcher Sprüche und Moden und Machenschaften im Auge hätte, das mir in der oberflächlichen Parolenhaftigkeit suspekt wäre.
Amerika derart als Weltanschauung - und genau auch in diesen "linken" Sprüchen - und Amerika dabei als Vormund Europas und gezwungener Maßen Vorbild der Welt ist natürlich für einen Amerikaner ganz privat eine Zumutung, wobei selbst der Antiamerikanismus in Europa aus den USA kommt.
Wenn man dieses meist harmlos Formale, das Modische, aber so versteht, daß es sich als Kult oder Kultur in Sepsy oder Meute und Mob als Poppraxis als die eigentliche Postmoderne konkretisiert, das "in der Gruppe jederzeit in unkontrolliert geniale Verantwortungslosigkeit umschlagen kann," (Seite 4, erste Spalte unten bei Schwering), heißt das in anderen Worten, daß man unbedacht gerade den Machenschaften und Sprüchen hinterherläuft, die ganz zufällig in der jeweiligen Gruppe gelten, zu der man gehört oder gehören möchte; gleichgültig also, ob "Rechts" oder "Links".
Das heißt, daß man dort mehr oder weniger unbewußt oder bewußt und gewollt fremdbestimmt ist und seine Identität von Außen erhält, wobei dieses Außen eben Mode oder Meute, aber eben nicht eine eigene durchdachte Weltanschauung oder Überzeugung ist. 
Daß dazu nun die Verneinung des Subjektiven bei den amerikanischen Philosophen der "Postmodernen" zugunsten objektiver Wahrheiten bzw. Sachverhalte außerhalb des Menschen mit der Verneinung oder Unwichtigkeit einer individuellen Identität dieses Dilemma nur verstärkt, sieht Schwering sehr richtig. Denn wenn der Beweis für "Richtig" und "Falsch" oder "Wahrheit" in der Außenwelt, also in dem Gegenstand oder Sachverhalt der Außenwelt liegt, kann nach dieser "amerikanischen" d.h. empiristischen Vorstellung jede subjektive Ansicht bestenfalls eine subjektive Annäherung an "Richtig" oder "Falsch" des "objektiv Richtigen" sein, wobei das Subjekt aber auch dann für den Lauf der Welt ohne Bedeutung ist.  D.h. wo der Einzelne sich wichtig nimmt und "einen objektiven exklusiven Rang beansprucht" fällt er gegenüber den "objektiven Wahrheiten" seiner Außenwelt ins Leere (Schwering, Seite 6). 
Auch dieser Vorwurf von Schwering gegen solche Auffassung ist richtig, richtig aber deswegen, weil dieser Sessel der Außenwelt als Identifizierungsmöglichkeit des Bewußtseins ohne das individuelle Bewußtsein überhaupt nicht existent wäre. Also Leere und Identifikationsverlust aufgrund eines Denkfehlers, den Schwering entweder nicht sieht oder nicht herausarbeitet.
Das genau ist aber mein Thema.
Denn um DADA und die Postmoderne richtig zu verstehen, muß man in der Analyse der Situation unserer neuen Weltgemeinschaft einen Schritt weiter gehen als Schwering. Natürlich fällt es schwer und besonders mir, das Exzessive und Kriminelle der anonymen Meute nur als üble Randerscheinung zu sehen. Die damaligen Stadträte in Berlin, die diese Meute, "Rechte" wie "Linke", auf mich hetzten, sind zumeist aber längst aus ihren Ämtern oder im Knast; so landen auch die "rechten" und "linken" Brandstifter und Bombenleger einer anonymen Meute irgendwann ganz privat bei der Polizei und werden dort wie im Sessel von "JANDL" (Schwering Seite 5) über ihren Ausweis identifiziert. Das meiste im Gesellschaftsspiel von Techno und Reave aber scheint nur harmlose Mode und nicht der Rede wert zu sein.
Daß es aber ein hochphilosophisches Phänomen ist, sieht Schwering ebenfalls richtig
Der Anlaß für den selbstkritischen Aufsatz von Schwering und seine diesbezogene Sorge resultiert jedoch daraus, daß die "Wirkungs- und Regelmechanismen" der linken Szene, die man bisher als linke Subversion, als langer Marsch durch alle Institutionen rechtfertigte und ja auch zur "Belebung" von Demonstrationen ganz bewußt politisch einsetzte, nun plötzlich auch unter "rechtem" Vorzeichen funktionieren und zwar auch innerhalb von Reave und Disko und nun auch im Internet, so daß Meute nun gegen Meute steht und nicht nur für die "Linke" zu einem Problem wird.
Wie man hinter diesem Phänomen von "menschlicher Meute" nun eine Spinozische oder überhaupt eine Philosophie und hinter dem Unsinn des modisch esoterischen Sektenwesens innerhalb dieser Szene einen Kult oder eine religiöse Dimension zu sehen hat, ist nicht leicht zu verstehen. Man kann dieses natürlich vergleichen mit den Bilderstürmern aus dem Jahrhundert vor Spinoza, die von Kirche zu Kirche zogen, und die Bilder verbrannten, teils, weil solche Abbildungen in den Zehn Geboten verboten sind (also aus religiösen und dogmatischen Gründen), teils, weil man sich durch die überholten Darstellungen von Gott und den Heiligen tatsächlich verarscht fühlte, also aus antidogmatischen Motiven, als sei mit den Bildern als Abbild der Wahrheit auch die Wahrheit dessen bewiesen, was einem zu glauben befohlen wurde (was tatsächlich eine philosophische und auch eine politische Begründung wäre), was man aber auch teils natürlich deswegen mitmachte, weil es alle machten..Schwierig zu verstehen und zu glauben ist dieses trotzdem, da die Vertreter dieser Rockszene oder gar solcher Meute ganz sicher keine Philosophen sind und von Spinoza wahrscheinlich nie etwas gehört haben, wie auch die Bilderstürmer keine Theologen und Dogmatiker waren.
Der Schritt weiter als Schwering oder als die amerikanische pessimistische Auffassung von der Postmodern kann logischer Weise von Europa aus gesehen als Definition nicht einfach "USA" heißen, wenn das dann unsinniger und unrealistischer Weise dazu noch mit dem blanken Materialismus ohne Individualismus gleichgesetzt würde, wie man es bis zur Wende dem kommunistischen System ankreidete. Weder im Positiven insofern, als man mitmacht, wie z.B. bei der Mail-Art, noch im Negativen, als man diesen amerikanischen Antiamerikanismus in der intellektuellen Szene mitmacht und z.B. keinen "MacDonald" betritt.So gerne ich im Gegenteil manchmal in die USA auswandern möchte, würde sich das Problem ja auch dann nicht lösen, wenn man ganz Europa in die USA verlegte oder systematisch amerikanisierte. Ich würde sogar behaupten, daß der Amerikaner unter seiner augenblicklichen Rolle als Protagonist mehr leidet als daß er sie genießt.Die Vorbildrolle und Problematik liegt eben darin, daß die USA durchaus als positives Modell ein Schmelztiegel aller Völker und Rassen ist, die alle auf diese Zugehörigkeit stolz sind, wobei die Problematik andererseits einmal darin liegt, daß die USA nur ein kleines Model ist, zu klein, um für die ganze Welt gelten zu können, andererseits eben als Nation unter Nationen zur Zeit die Mächtigste ist, wobei solcher Stolz z.T. eben nicht dieses Integration sondern die Überlegenheit meint, - und dabei umso weniger als Vorbild akzeptabel ist, je weniger die Integration praktisch funktioniert. 
Was bei Schwering indirekt durchschimmert, wenn er es auch nicht ausdrücklich sagt und sich vielleicht auch nicht mal bewußt macht, wenn er vom Nazirock als quasi krankhhafte Dissidenz spricht, nämlich als Abweichung vom Normalen, ist ja, daß er damit er dann"Links" als normal und richtig und als das Postmoderne bezeichnet, wobei er ausdrücklich die Künstler ausnimmt, für das Exzessive dieser Szene anfällig zu sein. Mit "Künstler" meint er dabei offensichtlich nicht die Musiker, die ja den Nazirock hervorbringen. Schwering und auch jeder andere kann auf vier Seiten Papier natürlich nicht alles sagen, worüber andere ganze Bücher schreiben.Es stellt sich aber die Frage, inwieweit auf der einen Seite Stil überhaupt, und nun die Postmoderne als Kunstepoche und Bewußtsein politisch und weltanschaulich ist, und wie weit auf der anderen Seite moderne Politik über die jeweiligen Parteistrukturen und -ziele der Demokratien nun "postmodern"und damit Kunststil sein kann oder regelrecht zur Kunst gehört. 
Das Positive liegt für den intellektuellen Amerikaner denn auch nicht im Amerikanismus oder Antiamerikanismus, sondern kommt von einem ganz anderen, sehr viel fundamentaleren Aspekt, der die Entwicklung des Menschen zum individuellen Bewußtsein immer mitbestimmte, und zwar dem Aspekt der Technik, in der man Verstand und Erfahrung anwendet. Man kann sich zurecht streiten, ob zuerst Ei oder Henne, ob zuerst Verstand und dann Faustkeil und Keule oder umgekehrt. Sicher ist aber, daß der Vorgang einer Erfahrung etwas anderes ist, als die bewußte nochmalige, strategische Anwendung, wobei letzteres - wenn auch über die Stufenleiter: Erfahrung mit Erfahrung - einerseits zur Wissenschaft und andererseits zur Reflexion auf den Denkvorgang und damit auf den Menschen führt, was dann Philosophie bedeutet. Diese Richtung auf den Menschen hin ist nicht zufällig, sondern ergibt sich aus den Unstimmigkeiten in und bei solchen Erfahrungen, deren Ursache am Ende beim Menschen liegen.
Wie einst Papier, Buchdruck und Ölfarbe das Medium der Renaissance war, die man sicher auch weltanschaulich interpretieren kann, wobei sich dieses über den Humanismus (wie man es heute nennt), dann über die Reformation und Aufklärung, über die freien Universitäten, über den Enzyklopädismus und die Ausbildung der Wissenschaften auch auf die Politik auswirkte und schließlich zur französischen Revolution führte, wie es Voltaire ausspricht, so wäre entsprechend das Medium der Postmodernen Fax und Telephon, Fernsehen, Datenverarbeitung und die Möglichkeiten des Internet, wozu die Technik der Musikinstrumente im Rock und in der Disko nur mehr Randerscheinungen sind.
Wieweit Technik dabei selbst zur Weltanschauung wird oder wie weit sich Weltanschauung durch Technik nur verbreitet und realisiert ist eine andere Frage.Von der Mail-Art und DADA aus sehe ich die Postmoderne ganz unabhängig vom amerikanischen Kulturpessimismus der dortigen Philosophen ganz praktisch erst mal als den nächsten Schritt über die Moderne, und zwar über das Modische oder Modernistische oder rein Formale der Modernen hinaus, wie es in der Bezeichnung ja immer schon anklingt, - und wovon die Kunstwissenschaften und unter ihrer Dominanz auch die Künstler der Nachkriegszeit ja ausgehen. Wissenschaft und Kunstwissenschaft geht mit ihrem Selbstverständnis ganz naiv und unbeirrt immer vom Empirisch-vorhandenen aus, also von fertigen Bildern, die sich im Kunstbetrieb durchgesetzt und damit eine bestimmte Form und Größe, einen Titel mit Signatur und einen Preis haben.
Für den Künstler, der dazu  noch von Kunstwissenschaftlern ausgebildet wurde und dessen Bilder dann von Kunstwissenschaftlern beurteilt und von Kunstwissenschaftlern, den Galeristen, ausgestellt und verkauft werden, bedeutet dieses, daß er sich immer - mehr oder weniger direkt - an Vorhandenem orientiert und an Vorhandenem gemessen wird. 
Genau dagegen wehrten sich die DADAisten von Anfang an, und innerhalb der nichtkommerziellen Mail-Art spielte Kunstwissenschaft überhaupt keine Rolle und wurde (und wird in Deutschland zumindest) von dort her auch nicht ernstgenommen. 
Obwohl die Moderne ausgehend von der Malerei von Beginn an gegen den klassischen Akademismus der Renaissance und Aufklärung opponierte und damit intuitiv ablehnte, ganz von dem erkennbaren, "objektiven" Gegenstand bzw. von den "realen" Ideen oder deren Symbole auszugehen, die dann noch abbildmäßig darzustellen seien, sondern die mit dem Impressionismus und dem Expressionismus die Moderne als Freiheit oder Freiraum von derart "Objektivem" eroberte, blieben die Künstler - zum Teil aus Angst vor dem oder als Parteinahme gegen den noch älteren Indoktrinationsapparat, der Kirche -  aber Kinder der Aufklärung; hauptsächlich aber wohl deswegen, weil die Situation, der Gebrauch und die Realisierung wie Demonstration der Freiheit, nun malen zu können, wie, wo, was und warum man will, einfacher war, als die größere Ehrlichkeit auch als Richtigkeit gedanklich zu begründen; und dies erübrigte sich auch durch die Schönheit, Glaubwürdigkeit und Akzeptanz der neuen Bilder. 
Dem Gefühl der Unglaubwürdigkeit dieser klassischen und klassizistischen Disposition vor der leeren Leinwand entging man ja einfach mit dem Entschluß, "modern" also anders zu malen; man streifte einen Alptraum ab, ohne dieses begründen zu müssen, - und überlies dieses zunehmend den Kunstwissenschaftlern. Ein weiterer Grund dieser Gedankenlosigkeit und Konzeptlosigkeit der Modernen von Seiten der Künstler ist zudem ohne Zweifel die Schwierigkeit, dieser Ehrlichkeit vor sich selbst auch gedanklich auf den Grund zu gehen, denn gottlob und ehrlicher Weise lehnte man die alten Meister ja nicht ab und bestritt durchaus nicht deren Ehrlichkeit und Glaubwürdigkeit - so ungerecht und blind man mit der zeitgenössischen Romantik auch umgegangen sein mag.. Etwa von einem Progreß zu sprechen, der von einer "objektiven" zu einer "subjektiven" Malerei führte, wäre ganz unsinnig gewesen, da man mit der Modernen nun erst recht die subjektive Leistung in der klassischen Kunst zu erkennen und zu würdig begann. Der Hauptgrund aber, warum ein moderner Künstler sein Bild malt und nicht interpretiert und selbst das Verstehen dem Betrachter und damit auch die Kompetenz von Kunsttheorie dem Theoretiker überläßt, ist wohl in dieser Arbeitsteilung und jeweiligen Spezialisierung selbst zu suchen
Praktisch ist damit der Kunstbetrieb jedoch weit umfassender akedemisiert, als zu den Anfängen der Modernen, wogegen die Moderne ursprünglich aufstand.
Der Pferdefuß liegt ganz unbeabsichtigt darin, daß in diesem instruktionellen Wissen die eigentliche Kompetenz und damit auch die Wahrheit außerhalb des Menschen liege (oder derart verstanden wird), nämlich in der wissenschaftlich belegbaren und beweisbaren sog. "Tatsache". Für mich selbst und für jedes Individuum bedeutet das, daß die Medizin mehr über meinen Körper weiß, als ich selbst, daß die Psychologie mehr über mein Denken und Fühlen, daß die Soziologie mehr über mein Verhalten weiß und dieses besser begründen und berechnen kann, als ich selbst, daß die Kunstwissenschaften besser über die Kunst,daß die Germanistik oder Literaturwissensschaft mehr über die Literatur weiß als der Künstler und Schriftstellen, daß die Theologie meinen Glauben besser kennt als ich selbst
Meine eigenen Erfahrungen und selbst meine eigene, individuelle Person und damit überhaupt das Individuum scheint dabei zunehmend unwichtig. Faktisch bedeutet das, daß es im Extremfall gar nicht mehr um den Menschen geht. Praktisch bedeutet dieses Kuriosum und Paradox dann, daß z.B. der Patient im Krankenhhaus, der Geisteskranke in der Heilanstalt, der Wähler in der Politik ganz unwichtig und uninteressant ist.
 
 
 

Prof. Dr. Gerold Prauss, Albert-Ludwigs-Universität, Freiburg
"Die Welt und wir" Metzler Verlag,:/Seite 702 bis 708

Prauss geht es im nachstehenden erkenntnistheoretischen Text um 3 Anliegen:
1. Er greift die verbissene Dogmatk im empiristischen Selbstverständnis an, die - vereinfacht ausgedrückt - eine Erkenntnis derart auffaßt, als sähe der Mensch auf der einen Seite (x) den Gegenstand oder die Idee von solchem Gegenstand, so wie er oder sie ist, vor sich, und als habe er auf der anderen Seite (y) seine Erkenntnis von diesem Gegenstand, und als könne er nun beides, also x und y miteinander vergleichen.
2. Prauss deckt den Denkfehler in solcher Vorstellung wie auch die Denkfehlerquelle solcher Position auf, und er verweist auf die unvermeidlichen Widersprüche und Ungereimheiten. Denn auf beiden Seiten, ob nun x oder y, haben wir es immer nur mit unserer Erkenntnis zu tun. In keinem Fall kann x die Wahrheit von y sein. Derartige objektive Wahrheit gibt es nicht für uns Menschen. [Natürlich ist die Abbildvorstellung "eine falsche Reflexion, der jeder von uns erst einmal anheim fällt," wie Prauss zugibt, was für das alltägliche naive Lebenkönnen des Menschen ja auch durchaus als sinnvoll gedacht werden kann, wobei aber die Widersprüchlichkeiten bei einer weitergehenden Reflexion wie der Sinnfrage unseres Lebens nur deshalb derart offensichtlich angelegt sind, wie Kant zu den bekannten Antinomien meinte, (die er als Folge dieser falschen Reflexion nachwies,) um nicht in dieser falschen oder provisorischen Vorstellung befangen zu bleiben und ewig in die Irre zu gehen, - was seit Kant als "kopernikanische Wende" mit der Überwindung der naiven ptolomäischen geozentrischen Weltvorstellung verglichen wird.]
3. Prauss klärt, wie die Struktur bzw. der Vorgang einer Erkenntnis aussieht und wie dabei dieses Problem gelöst wird, - daß also eine Behauptung immer nur bedeuten kann, daß das als y erkannte als existent oder wirklich erklärt wird oder im Irrtumsfall als nichtexistent, wobei y eben immer nur der Gedanke bzw. die Erkenntnis sein kann zu der das Wovon eben die Existenzaussage ist, und nicht der Gegenstand selbst.
Dieser Weg oder diese Perspektive von Prauss ist nicht nur gangbar, sondern trotz aller denkbaren Erweiterungen und Modifikationen in den nächsten Jahrhunderten die einzige Alternative zum naiven unhaltbaren Empirismus, und ist sowenig wie das heliozentrische Weltbild gegenüber dem geozentrischen eine Beschneidung oder Entwertung menschlicher Vernunft und Wissenschaft, wie man - wie einst im Mittelalter - aus Unkenntnis ängstlich befürchten könnte, sondern bedeutet im Gegenteil Aufklärung im wahrsten Sinne, weil erst so auch Wissenschaft zu einer haltbaren Definition kommen kann, was allerdings ein allumfassendes Umdenken voraussetzt und in allem, auch in Kunsttheorie und Theologie einen Neuanfang bedeutet. Wobei gerade die überall in allen Kulturen und Religionen und Konfessionen bestehenden Widersprüche und behelfsmäßigen Denkkonstruktionen auf die allen Menschen gemeinsame Struktur unserer Erkenntnis zurückgeführt werden können und statt irrationaler Kriege und Rivalitäten gegeneinander nun vernünftige Gespräche miteinander möglich werden.
Prauss:
 

Und daraus folgt jetzt zwingend, daß, etwas behaupten, nur, etwas als wirklich hinstellen, bedeuten kann, das heißt: statt sich als wahr vielmehr als unwirklich etwas Anderes als sich, und dies in jedem Fall einer Behauptung, ob in dem elementarer Wahrnehmung oder komplexer Wissenschaft. Zu meinen, daß, etwas behaupten, soviel wie etwas als wahr hinstellen, heiße, läuft sonach zuletzt darauf hinaus zu meinen, wie ein Objekt auch sich selbst als ein Subjekt in Empirie noch einbeziehen zu können, was jedoch genauso ausgeschlossen ist wie, daß ein Zeichen jemals Zeichen seiner selbst sein könnte'3. Doch als etwas Nichtempirisches kann solch ein Subjekt eben auch nur für Nichtempirie der Reflexion und damit auch nur für Philosophie zum Thema werden. Diese aber wird auf solche Weise grundsätzlich verfehlt, das heißt, als Quasi-Empirie verkannt und so auch das Subjekt noch als etwas Quasi-Empirisches: ob nun im Sinn des Empirismus oder Platonismus, der ja seinerseits nur höherer Empirismus ist. Und eben diese falsche Reflexion, der jeder von uns erst einmal anheim fällt und von daher auch erst durch Berichtigung entkommt, ist es, die jene Unternehmen, weil sie ohne jede Reflexion auf nichtempirische Subjekte auszukommen meinen, zu Verirrungen verführt, die ihresgleichen suchen. Damit nämlich öffnet sich der Haupteingang zu jenem Friedhofals dem Heiligtum, in dem "Formale Logiker", "Semiotiker", "Syntaktiker", "Semantiker", "Sprachanalytiker" oder "Wissenschaftstheoretiker" lebendige Subjekte opfern und vor ihren Leichen auf die Kniee sinken, um sie beispielsweise als das Wahre oder Falsche zu verehren.
Noch inmitten unseres Jahrhunderts zelebrieren sie auf diese Weise nunmehr schon Jahrzehnte lang eine Mythologie, die aufzudecken oder aufzuklären oder sogar aufzuheben gar nicht einfach ist. Allein schon dieses Wahre oder Falsche selbst ist nämlich dieser Mythos, der sonach auch nur zusammen mit dem Wahren oder Falschen selbst beseitigt werden könnte, was verirrten Abendländern aber wie Entheiligung des Allerheiligsten erscheinen müßte. Denn wie ließe sich wohl auch nur rütteln daran, daß es Wahres oder Falsches gibt? Deswegen müssen Sie auch auf der Hut sein, sich nicht Falsch beschwichtigen zu lassen, um nicht unversehens noch mit auf den Knien zu liegen: Keineswegs ist es damit getan, beflissen zu versichern, als das Wahre oder Falsche würden jene Leichen freilich nicht als solche, sondern nur als je und je "benutzte" und "verwendete" verehrt, und so geschehe doch, dem Subjekt als "benutzendem" oder "verwendendem" Genüge. Denn worauf es für Sie ankommt, ist vielmehr, sich zu verdeutlichen: Sogar wenn zugegeben würde, daß eine Behauptung keineswegs nur etwas von einem Subjekt "Benutztes" und "Verwendetes", sondern als das Ergebnis seiner Selbswerwirklichung jeweils ein Subjekt selbst ist, könnte sie nicht etwas Wahres oder Falsches sein, ja dann am allerwenigsten. Denn schlechthin sinnlos muß es bleiben, etwa dieses Subjekt dann als etwas Wahres oder Falsches aufzufassen, wie Sie nunmehr sehen müßten. Etwas Wahres oder Falsches kann vielmehr grundsätzlich nur die Leiche eines Subjekts sein; und damit liefert, etwas Wahres oder Falsches auch nur anzusetzen, auch schon den Beweis dafür, daß Tötung statthat: Ein lebendigcs Subjekt als Selbstverwirklichung zu einer Intention in der Gestalt einer Behauptung nämlich ist dann zwar erfolgreich oder auch erfolglos, deshalb aber nicht sogleich wahr oder falsch, weil ein Sulbjekt seinen Erfolg bzw. Mißerfolg als Wirklich- oder Unwirklichkeit seines Gegenstands vielmehr ausschließlich außer sich und keineswegs etwa als seine Wahrheit oder Falschheit ausschließlich in sich hat. Schlechthin unerfindlich muß es Ihnen denn auch bleiben, was ein wahres oder falsches Subjekt" eigentlich bedeuten sollte. Denn genauso sinnlos wie, ein Subjekt selbst als etwas Wahres oder Falsches aufzufassen, wäre umgekehrt, eine Behauptung selbst, die etwas Wahres oder Falschs nur als Leiche ist, genausogut als dasjenige aufzufassen, was als diese Leiche selbst etwa erfolgreich oder erfolglos sei. Dies kann vielmehr aussschließlich ein lebendiges Subjekt. als in Gestalt einer Behauptung jedesmal zu einer Intention sich selbst verwirklichendes sein. Deswegen handelt es sich auch bei dem "benutzenden" oder " verwendenden" nur um ein scheinlebendiges Subjekt, weil Leichen auch als die "verwendeten" oder "benutzten" nicht lebendig werden können. Und so sind es auch nur Leichen unter Leichen, die mithin auch nur den Anschein der Lebendigkeit von so etwas wie Wahrem oder Falschem haben, weil es vielmehr so etwas wie Wahrheit oder Falschheit überhaupt nicht geben kann, sondern allein Erfolg bzw. Mißerfolg für ein Subjekt als Intention, das ihn als etwas Anderes als sich, nämlich als Wirklich- oder Unwirklichkeit seines Gegenstandes eben außer sich anstatt als Wahrheit oder Falschheit in sich hat.
Aufs radikalste also gilt es für Sie, Wahrheit oder Falschheit auszumerzen, um als deren eigentlichen Sinn, den sie jedoch bis zur Unkenntlichkeit verstellen, Erfolg bzw. Mißerfolg dann aufzudecken und in Systematik einzubringen, nämlich als den eigentlichen Sinn von Wiirklich- oder Unwirklichkeit jenes Gegenstandes von Erkenntnis'4. Da es nämlich unser aller Los ist, Reflexion erst einmal zu verfehlen, hatten wir auch selbst zunächst von Wahrheit oder Falschheit der Erkenntnis auszugehen, wie Ihnen sicher noch erinnerlich sein wird. Das taten wir indessen nur, um schließlich jene immer schon bestehende, doch niemals recht gesehene Äquivalenz zwischen der Wahrheit oder Falschheit von Erkenntnis und der Wirklich- oder Unwirklichkeit ihres Gegenstandes im soeben ausgeführten Sinn zu radikalisieren, und das heißt: zugunsten letzterer zu reduzieren. Denn genau diese Äquivalenz ist es, die jene Unternehmen, welche dieser ihrer Radikalisierung sich vielrnehr verweigern, schließlich noch zu weiteren Verirrungen verführt, vor denen sie auch dadurch nicht zurückschrecken, daß es sich dabei nur noch um Grotesken handelt, da sie dessen überhaupt nicht innewerden können. Hat nämlich Tötung von lebendigen Subjekten sich erst einmal eingespielt, dann liegen deren Leichen in der Welt auch überall so dicht an dicht, daß nicht allein lebendige Subjekte einerseits, sondern auch anderseits ihrer Lebendigkeit entsprechende Objekte hier vor lauter Leichen überhaupt nicht mehr zur Kenntnis kommen können: Nicht etwa die Wirklich- oder Unwirklichkeit jener Gegenstände sei es, was ursprüngliche synthetische empirische Erkenntnis je und je erkenne, jener Gegenstände, die im Falle ihrer Wirklichkeit dann beispielsweise "Dinge" wie " ein Tisch" sind oder " etwas Rotes" oder "etwas Rundes", so vertreten jene Leichenfreunde letztlich folgerichtig. Was synthetische empirische Erkenntnis je und je erkenne, seien vielmehr "Sachverhalte", die "bestehen" bzw "nicht bestehen" - je danach, ob ursprüngliche synthetische empirische Erkenntnis "wahr" ist oder "falsch" - und die im Fall der "Wahrheit" letzterer bzw. des "Bestehens" ersterer "Tatsachen" seien, so daß gelten soll: "Die Welt ist die Gesamtheit der Tatsachen, nicht der Dinge"(15). Doch obwohl man gegen diese unhaltbare Auffassung durch eine gleichzeitige Einsicht Freges(16) schon gefeit sein könnte, hängt man ihr bis heute an: vermutlich aber nur, weil man auch diese Auffassung sich niemals an elementaren Beispielen verdeutlicht. Solche nämlich decken unerbittlich auf, welch einen Unsinn dies auch dann noch, ja gerade dann bedeutet, wenn man Freges Platonismus der Gedanken und mithin der Sachverhalte oder Tatsachen nicht mitmacht, sondern bei Vernunft bleibt, und das heißt: beim Subjekt, das Gedanken denkt, indem es sie spontan erzeugt und nicht nur rezeptiv bloß faßt. Denn zweifellos ist Frege damit auch im Fall von Beispielen wie "Dies ist rot" und " Dies ist rund" und " Dies ist ein Tisch" noch im Recht, weil zwischen dem Gedanken, daß dies ein Tisch ist  bzw. daß dies rund ist oder daß dies rot ist, und dem Sachverhalt oder der Tatsache, daß dies ein Tisch ist oder daß dies rund ist oder daß dies rot ist, schlechterdings kein Unterschied bestehen kann.  Nur formulieren freilich Ausdrücke wie "der Gedanke, daß · · · " oder " der Sachverhalt, daß . . . " und " die Tatsache, daß . . . " letztlich alle bloß Versuche, dasjenige, was in Fällen wie: Dies ist ein Tisch, und: Dies ist rot, und: Dies ist rund, gerade niemals gegenständlich ist, auch selbst noch zu vergegenständlichen, Versuche, die am kürzesten sich durch alleinige Verwendung des Anführungsstriches, nämlich als "Dies ist ein Tisch" und "Dies ist rot"  und "Dies ist rund" bewerkstelligen lassen. Solcherart Versuche aber können eben, wie Sie wissen, nur zu Leichen führen, jedenfalls solange man dogmatisch-empiristisch oder -platonistisch weiterhin der Überzeugung ist, auf diese Weise auch noch Fälle nichtempirischer Subjekte zu empirischen Objekten zu gewinnen. Denn in Wahrheit läuft das nur darauf hinaus, jene verfehlte Reflexion, der anfänglich wir alle unterliegen, auch noch zum System zu machen anstatt zu berichtigen. Und das führt hier am Ende dazu, daß es gleichfalls nichts als Leichen über Leichen sind, wodurch zu allem Überfluß auch noch die eigentliche Wirklichkeit der Dinge unserer Außenwelt verstellt wird, wenn ihr die von "Sachverhalten" oder "Tatsachen" als angebliche vorgeschoben wird. Und so vermag denn auch nur richtige anstatt verfehlter, nämlich Reflexion auf das gerade Nichtempirische solcher Subjekte dann den eigentlichen Grund für das Verfehlte jener Unternehmen insgesamt zu nennen: Eines und dasselbe ist es, was dabei zum einen fälschlich als das Wahre oder Falsche aufgefaßt wird, nämlich der Gedanke oder die Behauptung, und zum andern fälschlich als das Wirklich -oder Unwirkliche, sprich, der Sachverhalt oder die Tatsache. Und dieses Selbige, das damit fälschlich für etwas Empirisches gehalten wird, ist überhaupt nichts anderes als jenes immer schon bestimmte Etwas oder jener immer schon bestimmte Gegenstand als vielmehr Nichtempirisches, das ein Subjekt sich auch schon immer vorgestellt oder entworfen haben muß, um in ursprünglicher synthetischer empirischer Erkenntnis von der Form einer Behauptung überhaupt etwas als wirklich hinstellen zu können. Und als wirklich hin stellt ein Subjekt dieses Bestimmte dabei auch allein ursprünglich und synthetisch und empirisch, sprich: allein als ein Empirisch-Wirkliches der Außenwelt, so daß dieses Bestimmte als ein Nichtempirisch-Wirkliches der Innenwelt des Subjekts selbst für letzteres dabei genauso unthematisch bleibt wie dieses Subjekt auch sich selbst als der Gedanke oder die Behauptung, und das heißt: auch als das Nichtempirisch-Wirkliche, das etwas als empirisch-wirklich überhaupt erst hinstellt. Und bloß darum, weil dieses Bestimmte freilich immer nur bedeuten kann, daß etwas als etwas bestimmt ist, pflegt man es auf Leichenfesten gleich als das bekannte "Propositionale" zu errichten und zu feiern, nämlich Empirismus oder Platonismus mit ihm zu begehen, einerlei, ob nun mit ihm als Wahrem oder Falschem von " Gedanken" oder als Bestehen bzw. Nichtbestehen von " Sachverhalten", welche bei Bestehen als "Tatsachen" angeblich unsere Welt ausmachen. Zu solchen Feiern aber gibt es häufiger Gelegenheit; infolgedessen müssen Sie auch öfters auf der Hut sein, um nicht unfreiwillig dabei mitzufeiern. Sich davor bewahren können Sie denn auch am wirksamsten, indem Sie festhalten, daß dies als etwas immer schon bestimmte Etwas eben jeglicher ursprünglichen synthetischen empirischen Erkenntnis dann gerade unthematisch und mithin auch nichtempirisch immer schon zugrunde liegt, in Fällen wie: Dies ist ein Tisch, und: Dies ist rot, und: Dies ist rund, - doch ebenso in einem Fall wie: E=m c² . Denn als ursprüngliche synthetische empirische besteht Erkenntnis stets nur darin, etwas immer schon Bestimmtes allererst als wirklich hinzustellen, nie etwa darin, umgekehrt etwas schon immer Wirkliches erst zu bestimmen, also grundsätzlich in Existenzaussage oder Wirklichkeitsbehauptung. Dies gerade zu verkennen und stattdessen darauf zu bestehen, daß für ursprüngliche synthetische empirische Erkenntnis das Empirisch-Wirkliche schon immer vorgegeben und vorausgesetzt sein müsse, um durch sie bestimmt zu werden, führt dann nämlich jene Unternehmen zwangsläufig zu einer gleichfalls unhaltbaren Auffassung von Existenzaussagen.

Kant:
(Seite 213 Anmerkung *) Ich wünsche daher, daß der kritische Leser sich mit dieser Antinomie hauptsächlich beschäftige, weil die Natur selbst sie aufgestellt zu haben scheint, um die Vernunft in ihren dreisten Anmaßungen stutzig zu machen, und zur Selbstprüfung zu nötigen. Jeden Beweist den ich für die Thesis so wohl als Antithesis gegeben habe, mache ich mich anheischig zu verantworten, und dadurch die Gewißheit der unvermeidlichen Antinomie der Vernunft darzutun. Wenn der Leser nun durch diese seltsame Erscheinung dahin gebracht wird, zu der Prüfung der dabei zum I Grunde liegenden Voraussetzung zurückzugehen, so wird er sich gezwungen fühlen, die erste Grundlage aller Erkenntnis der reinen Vernunft mit mir tiefer zu untersuchen.
In 147  Anm.: )A 147 

Marginalie zu Kant:
Uns unbewußt denken wir und verhalten wir uns also nach solchen "natürlichen" Schemen, was ja nichts anderes heißt, als daß sie uns angeboren sind. Sicher also liegen solche Gedankenbilder oder abstruse Theorien nicht in uns vorgeformt, sondern ergeben sich aufgrund der Struktur unseres Denkapparates, deren Vielfalt sich aus den verschiedenen Kombinationen der "Strukturen des Denkens", der "Kategorien" und "Antinomien" angesichts jeweils bestimmter Erfahrungen bilden lassen.Hier liegt es bezüglich solcher innerer Widersprüchlichkeiten (ebenfalls natürlich) nahe, daß man solche innere Widersprüchlichkeit als eigene Schwäche empfindet und sich entweder den Ansichten anderer Menschen anschließt oder andere Menschen quasi als Zeugen und für eine eigene Ansicht beansprucht, der man aus bestimmten, aus bewußten oder unbewußten Gründen den Vorzug geben möchte, - die sich wiederum aus ersterem Grunde dazu bereitfinden.Diese Akkumulationtendenz ist also ein Konstellationseffekt, deren Grundstruktur angeboren ist, und hat demnach mit einem angeborenen Herdentrieb nicht direkt zu tun, aber den es vielleicht unterschwellig dazu auch noch geben kann, so daß er diesen Effekt bestärkt, indirekt aber ist diese Akkumulationstendenz als Konstellationseffekt Ursache für alle Religionen, in denen "alle", d.h. alle der entsprechenden Gemeinschaft, sich der gemeinsamen Theorie anschließen, weil sie alle der Vielzahl der anderen eine höhere Kompetenz als der eigenen widersprüchlichen.Die Entmündigung des Einzelnen, - und zwar aller, - liegt schlicht darin, daß das Urteil über wahr oder Unwahr an die Gemeinschaft oder die Tradition delegiert ist, womit nicht nur auch jede weitere geistige Entwicklung an Erkenntnis abgewürgt wird, sondern der Mensch in seinem Kern abgetötet ist.Man kann den derart verlorenen Mensch zwar als Opfer einer Fehlstruktur unserer geistigen Veranlagung sehen und entschuldigen, genaugenommen aber liegt dieser Delegation von Kompetenz eine schuldhafte Unredlichkeit zugrunde, wenn man zugunsten der Gemeinschaft seine Kritik und innere Widersprüchlichkeit verschweigt und so tut, als könne man ohne Bedenken zustimmen, als stimme man tatsächlich ganz überein. Im Grunde ist der Kitt der Gemeinsamkeit eine gemeinsame Lüge.
 

 Georg Schwering "Anders Eigen" 
 

Im Folgenden soll versucht werden, etwas über Identität zu sagen ohne ihr dabei in die Falle zu gehen. Dazu gehört, daß der hier gewählte Blick- und Argumentationswinkel um das Problematische - gerade im Kontext von "Identitätskrise" und Nationalismus - seiner Perspektive weiß. Doch bleibt darauf hinzuweisen, daß die agressive Propagierung einer allumfassenden, nationalen Identität durch offizielle und andere Disposite natürlich nur die Verwischung und nachfolgende Liquidierung oppositioneller Identitäten zum Ziel hat. Diesem offensichtlichen Totalisierungsversuch gegenzusteuern, ist eine Intention dieses Textes. Er behauptet gegen die Identität die Differenz(en), ohne sich in Ih(r)nen jedoch passivisch auflösen zu wollen und also der Identität zuletzt allein die "Ebene" (als quasi subversives Element) entgegenzusetzen.
Der vorliegende Beitrag beginnt mit einer kurzen Ausführung zur postmodernen Theorie der Nicht-Identität, sagt dann etwas über das produktive Mißverständnis pop- bzw. jugendkultureller Identitäten, um zum Schluß das Netz einer nicht-identischen Identität aufzuspannen. Dabei soll gegen die Aufhebung der Gegensätze in der kolonialisierenden Ummantelung der Identität die Etablierung und Konstituierung eines Nicht alles ist möglich als Maxime einer nichtidentischen Identität gesetzt werden. Die hier favorisierte Nicht-Identität unter dem Primat des Mangels geht von der Differenz aus (und führt diese nicht erst ein), wenn sie sich als Resultat des Gewebes der Differenzen (und ihres Mangels) begreift und somit einerseits den Zwang des Identischen durchbricht, sich andererseits aber Möglichkeiten der aktiven Mandatsübernahme offenhält. Doch bleibt noch anzumerken, daß es keinesfalls darum gehen kann, die Differenz derart zu privilegieren, daß sie zum unüberwindbaren Hindernis des sozialen Austausch stilisierbar wird. Nicht alles ist möglich, daß diese Banalität vielleicht gar keine ist, zeigt schon die Tatsache, daß sie einerseits immer wieder beschworen, andererseits immer wieder vergessen wird. Auch davon handelt dieser Beitrag.
 
 

In seinem Essay "Das postmoderne Ding" ' identifiziert Slavoj Lizek die Postmoderne als "spinozistische" Epoche. Am Beispiel der Applikation von spinoIistischer Philosophie durch zeitgenössische Theorie (Deleuze) verweist er auf einen normativen Gehalt postmoderner Diskurse. In der Beobachtung von Welt "sub specie aeternitatis" versucht der neue Spinozismus die fundamentale Kluft menschlicher Endlichkeit in einem Netzwerk universaler Symbolismen aufzulösen. Mit dieser Suspendierung des Lacanschen "Herrensignifikanten" ' reduziert er die Möglichkeiten des Performativen auf das Konstative (das theoretische Wissen). Kommunikation als soziale Interaktion findet nicht mehr zwischen einem Ego und seinem Anderen statt, sondern zwischen Affekten und Kausalverbindungen. die das Subjekt - existent nur noch als passiver Schauplatz - lediglich durchqueren: "'Ich' halte mich nur insoweit für ein autonomes, autarkes Subjekt, als ich dieses Netzwerk (bestehend aus partial-objekthaften Identifikationen und Imitationen), das mich determiniert [...] übersehe und verkenne." (567). Das Subjekt im Sinne Kants - von dem Lacan sagt, daß er 'wahrer' ist als Spinoza, weil dieser zu sorglos mit dem menschlichen Begehren umgehe - als radikal selbstverantwortlicher Handlungsträger erscheint nur noch als anachronistirches Überbleibsel und Spielverderher. Mit dieser Auffassung korreliert die Auszeichnung von Welt als autarkem Mechanismus, in den man sich sorglos und in "vollkommener Glückseligkeit" versenken kann. "weil man ja jeder Verantwortung enthoben ist" (566) 
(1. Zitat) 
Resultat dieses "neuen Spinozismus" als immanentes Merkmal der Ideologie einer "postindustriellen Konsumgesellschaft" ist z.B der Aufschub sozialer Verbindlichkeiten in ein Netz rein ursächlicher Verknüpfungen. Alle Arten von Handlungen (also auch alle sozial unzulässigen) erscheinen bei entsprechender Kontextualisierung legitimierbar. Jedermann kann sich zum passiven Opfer seiner Lebensumstände oder 'objektiver' Sachzwänge stilisieren. Doch wird die postmoderne Aktualissierung spinozistischer Philosophie zunehmend mit dem ihr inhärenten Anderen konfrontiert: Dem zerstörerischen "radikalen Bösen" in der Gestalt einer umgekehrten Version des im Zuge eines opportunistischen Prozessierens im Feld kausaler Abhängigkeiten kompromittierten "Fanatismus". In ihm gelangt der Spinozismus an eine versteckte Wahrheit. Mit der Auslöschung symbolischer Autorität (der des Signifikanten) ercheint dieser in einer entstellten, obszönen Dimension: der des (anti-ödipalen) "Analvaters" (568). In dem Versuch das symbolische Gesetz auf einen theoretischen Diskurs zu reduzieren und damit den "Namen des Vaters" als gesetzgebende und mangelerzeugende Instanz zu neutralisieren materialisiert sich auch die Erscheinung des "Analvaters", das Auftauchen des "radikalen Bösen".Oder anders gewendet: Das Unterworfensein unter die Bedingungen einer Ordnung des Signifikanten bietet den entscheidenden Vorteil der Präsenz eines symbolischen Gesetzes. das nicht alles gestattet, wenn es an die Stelle einer selbstvergessenen Glückseligkeit die Anerkennung und den Umgang mit der Differenz setzt. Darüberhinaus ist es 
(Anfang Seite 4)
 auch dieses Gesetz, dem die Chance eines sozialen Gedächtnisses immanent ist, welches im Wachhalten der Erinnerung die Realisierug perverser Phantasmen innerhalb gesellschafftlicher Realität verhindern helfen kann - Und wird nicht genau das in der möglichen, doppelten Lesart des "Nicht alles ist möglich" deutlich? "Nicht alles ist möglich", also auch kein absolut reiner, transparenter Diskurs; sowie "Nicht alles ist möglich", also ist auch nicht alles erlaubt.
Anamorphose 
(2. Zitat) 
Während Teile der postmodernen Theoriebildung den Defekt, also die Separation des Subjektes von seiner inneren und äußeren Wahrheit einseitig gewichtet skandieren, hebt dissidente pop- bzw. jugendkulturelle Praxis diese Trennung zwischen dem Symbol und seiner Bedeutung in einem Akt des Mißverstehens auf: "Die Stärke von Pop-Praxis, ein gegebenes und selbst gestaltetes symbolisches Universum so zu beherrschen, als wären dessen Symbole identisch mit ihren Bedeutungen, fußt auf dem produktiven Mißverständnis davon, was sie bedeuten sollen: einer notwendigen Unfähigkeit zwischen der Symbol- bedeutung und seiner Funktion als Symbol untercheiden zu können 
(die in der Gruppe, anders als bei einzelnen Künstlern, die auf die pragmatische Notwendigkeit der Reduktion ver- weisen. nicht in unkontrolliert-geniale Verantwortungslosigkeit umschlagen kann). "(Dietrich Dietrichsen). Die "Stärke" oder "Spielregel" von Pop- Praxis beruht also auf einem "Mißverständnis". welches die Absorption eines unerwünschten Nichtsinns, also die Außer-Kraft- Setzung der mit ihm verbundenen permanenten Inkonsequenzen, problematischen Synchronismen und Kontingenzen zur Folge hat. So schien dieser konstitutive Irrtum oder 'Trick" Jugendkultur - trotz extremer Heterogenität innerhalb ihres Universums - tatsächlich gegen zersetzende Arbitrarität weitgehend immun machen zu können. - Dabei führte das Mißverständnis nicht zu einem "Vergessen" der "Inhalte" bei gleichzeitiger Hervorhebung der "Form" (wie von Bodo Morshäuser unter Verwendung eines Dietrichsen-Zitates behauptet. (taz) 20.02.93, 15f., auch Kursbuch 113/93,49f.]) Dabei führte das Mißverständnis nicht zu einem »Vergessen« der »Inhalte« bei gleichzeitiger Hervorhebung der »Form« (wie von Bodo Morshäuser unter Verwendung eines Diederichsen-Zitates behauptet [taz,  20.2.93, 15f., auch Kursbuchh 113/93. 49f.), sondern die »Inhalte« wurden vielmehr soweit forciert, bis sie sich sozusagen von selbst in »Form« transformierten'. Das diesem Prozeß inhärente Ignorieren des Mangels bewirkte. daß sich der Bereich der (gereinigten) reinen Symbole in den Vordergrund schob und den Diskurs bestimmte. 
Zitat Nr.3
In der Folge entstand so der Eindruck eines Plateaus, dessen Stabilität einerseits durch eine Identität von Symbol und Bedeutung sowie Hegemonie der Symbole gewährleistet zu sein schien. Doch zentriert diese virtuelle Transparenz von Pop-Praxis das Subjekt des Aussagens ausschließlich auf sein Ausgesagtes hin, d.h. auf die Artikulation eines Anspruches, nicht eines Begehrens - und letztendlich auf die Einhaltung korrekter Rollensemantik. 

Zitat 4
Das Gesetz oder die Spielregel von dissidenter Jugendkultur in dieser Gestalt wäre das des »Du kannst, denn Du sollst«, welches in der Evakuierung des Unmöglichen ein Feld zu schließen versucht, um es vor dem pathologischen Makel seiner Spaltung zu bewahren. Dabei ist es gerade das Mißverständnis, das in der Zuschüttung der Differenz einen Code generiert, in dem eine diskursive Formation ihrem Überschuß ausweicht. 
Mit diesem Vorgang stillschweigend verknüpft ist die Annahme/Forderung, daß sich die Diskursteilnehmer nach ihrem Beitritt als kompetent erweisen, d.h. sich einer makellosen Verwaltung und Wiedergabe des Codes verpflichtet fühlen: In diesem Sinne falsches Bewußtsein wird als vorgespiegelte Authentizität (Posing) aufgefaßt und gedisst.  Hier aber liegt auch die folgenschwere Konsequenz des »produktiven Mißverständnisses«: Der Versuch sich gegenüber der Differenz des Ausgesagten 'blind' zu machen, impliziert die Gefahr einer Wiederkehr des ausgeklammerten Restes, der dann als destruktives Mehr-Genießen auftaucht. 
Zitat 5
So ein - von der Realität jugendkulturell-dissidenter Praxis ignoriertes7 und nun in der Gestalt eines 'Exekutors' hervortretendes - paradoxes Objekt ist der Nazirock (oder auch die jugendlichen Angreifer von Rostock, Wismar, Schwerin ...). Er Iäßt sich demnach als anamorphotischer Fleck beschreiben, als ein Makel, der auf der Kehrseite des Feldes zwar immer schon existierte, es sogar konstituierte', der aber erst in einem Wechsel der Perspektive, d.h. im Zusammenbruch jugendkultureller VerhäItnisse als scheinbar generelle Opposition zu rechtsradikaler Praxis seinen Platz fand und folglich zu spät wahrgenommen wurde.  In ihm offenbart sich der bösartige Anteil des Gesetzes, als deren perverser Agent der Nazirock in Erscheinung tritt. Wo aber liegt das Paradoxon seiner Existenz? Als andere Version der Spielregel ist er dieser auch inhärent, d.h. daß sich in ihm nicht nur eine mögliche Kompatibilität der Perversion mit dem Gesetz zeigt, sondern daß diese vielmehr jenem korrelativ ist. An diesem Punkt kollabiert das Gesetz von dissidenter Pop-Praxis in seinem realen Überschuß und mit ihm das durch es strukturierte Territorium. Dabei dezentriert der Nazirock ein vorher rein appellativ aufrechterhaltenes Feld, indem er ihm einen parasitären Makel implantiert und es auf diese Weise neu vernetzt. Parallel dazu entleert er es von narzißtischen Spiegelungen und Illusionen. - Um Mißverständnissen vorzubeugen: Es geht hier zweifellos nicht darum, Nazirock zu rechtfertigen, indem ihm eine wie-auch-immer geartete Notwendigkeit oder gar kathartische Funktion zugesprochen wird, sondern gerade um das Gegenteil: 
Zitat 6
Die Neustrukturierung eines Universums im Aussprechen seines Mangels macht das Aufmachen einer Bilanz erst möglich, weil nötig. 

In diesem Zusammenhang ist vielleicht auch eine alternative Lesart des Satzes von Clara Drechsler interessant: »Skinheads sind eigentlich Weltverbesserer, wir merken das nur nicht, weil wir uns nicht vorstellen können, was manche Leute für Verbesserung halten. « (zit.n. HEAVEN SENT 9/1 993, 2?). 
Zitat 7
Ist es nicht so, daß eine potentielle »Verbesserung« nach dem von Nazirock markierten Wendepunkt genau darin zu suchen ist, daß gerade im Wegfall phantasmatischer Sicherheiten innerhalb popkultureller Praxis eine verstärkte Politisierung einsetzte, die aktiver und offensiver als zuvor ihren Wunsch nach »etwas besserem als der Nation« artikuliert und seitdem dem vielleicht »Unvorstellbarem« wirksamer entgegenarbeitet?  So gesehen wäre gerade Ende Seite 4 partiellen Ent-Identifikation, also in der Auftrennung imaginärer Spiegelungen. die Einsetzung der Interventionsbegehrens zu suchen. Die Intention dieses Begehrens könnte dann in einer Wiederherstellung der Distanz zum Unmöglichen liegen, allerdings ohne dieses dabei erneut zu verblenden. Identität(en )
Voraussetzung aller Interventionen aber ist eine Existenz, die sich nicht nur als fluktuierendes Moment semiotischer Prozesse wahrnimmt. Genau dies aber verkennen die postmodernistischen Positionen, die gegen ein korsettierendes Subjektkonzept eine restlos metamorphotische Individualisierung favorisieren, deren Essenz die Zersetzung von Identität ist. Wolfgang Welsch beispielsweise sieht diesen Auflösungsprozess paradigmatisch in den Arbeiten der amerikanischen Künstlerin Cindy Sherman repräsentiert. lm permanenten Austausch der Rollenspiele zeige sich: "Nicht [...] die Scheinvarietät eines bekannten Gesichts. sondern [...] authentische Identitätsbildungen einer als solchen unbekannten Person. "Jenseits aller Diskussionen über die Möglichkeit, verschiedene Identitäten "authentisch" zu inkarnieren, übersieht Welsch in seiner plurale-Identitäten-Emphase schlichtweg, daß Cindy Sherman gerade in der Offenlegung ihrer künstlerischen Strategie einen wohl eher umgekehrten Effekt im Rezipienten auslöst: Gerade wenn bekannt ist, daß sich hinter den Verkleidungen der Künstlerin immer nur eine einzige Person verbirgt, wird der Betrachter versuchen im Vergleich der Arbeiten das Eigentümliche dieser Person zu destillieren (was dank der signifikanten künstlerischen Praxis Shermans auch gelingt.) Dazu kommt weiterhin, daß die Amerikanerin in der Beibehaltung ihres Namens als einem identifizierbaren Signal von Eigenem der Wiedererkennung durch den Beobachter noch Vorschub leistet. In diesem Kontext können die Photographiem - statt Darstellung authentischer  Identitätsbildung - auch als selektiv angenommene Rollen gedeutet werden, als Denunziation bestimmter Klischees, Schemata, Erwartungshaltungen oder einfach irritierend variantenreiche Lesarten
(Ende 1. Spalte, Seite 5)  einer erstmal und 'an sich' allerdings  kontingenten Identitätsfolie. Zwar  verweisen die Arbeiten von Cindy  Sherman in diesem Zusammenhang  ebenfalls auf eine Entsub-     stanzialisierung von Identität, dennoch  hält die Künstlerin doch an Identität als  einer nicht-identischen. d h. virtuell  aufrechterhaltenen oder provisorisch  existenten fest, da die durch sie  personifizierten Rollen unschwer als  angenommene, nicht aber  übernommene deutlich werden. Ergo  ist Sherman nicht wandlungsfähig, sie  demonstriert Wandlungsfähigkeit. In  diesem Sinne erscheinen die Arbeiten  der Amerikanerin nicht als visuelle  Wiedergabe authentisch einverleibter,  multipler Identitäten, sondern eher als  differentielle Selbstbeschreibungen  einer Identität.
 Instruktiv ist hier die Lektüre eines  Jandlgedichtes, da es als Skizze der  Bedingungen ond Möglichkeiten einer  nicht-identischen Identität pointiert  werden kann:
  der beschriftete sessel     für harry & angelika   ich haben ein sessel   stehn JANDL groß hinten drauf   wenn ich mal nicht wissen   sein ich's oder sein ich's nicht   ich mich nur hinsetzen müssen   ond warten bis von hinten wer   kommen und mir's flüstern
 Ist "JANDL" sich seiner selbst nicht sicher setzt er sich in einen Sessel auf dessen Rücklehne sein Name steht und wartet auf die Anrufung "JANDLS" durch andere. Dies impliziert zunächst zweierlei: A).. daß die hier aufgerufene Identität nicht mit dem so bezeichneten Subjekt identisch ist, da sie auf seiner grundsätzlichen Verfehlung beruht: Eine "eingeflüsterte" - also durch Nennung des Namens abgesteckte Identität ist scheinbar, weil sie nicht auf das Subjekt selbst, sondern nur auf die symboliche Verkürzung referiert, die im Namen konkret identifizierbar ist. B). kann der Text gleichzeitig als Hinweis darauf gelesen werden, daß Identität fundamental kontextabhängig ist, da ihre "Einflüsterung" von anderen (die auch jedesmal Andere sein können) geleistet wird. D.h.. daß je nach 'Beschaffenheit' der flüsternden
  anderen (der Umwelt). eine   Wahrnehmung von Identität anders             ausfallen muß.   Analysiert man den "sessel" als durch   den Namen markierten Ort einer   Identität, nennt dieser sowohl ein   industriell fabrizierbares Produkt, als   auch einen Punkt an dem man sich   "nur hinsetzen müssen". Dies kann   sowohl auf Identität als inerten und in   seinem Kontext keineswegs   priviligierten Rest verweisen, als auch   auf ein schon-gesetzt-sein in einer   Primären Sozialisation. Die Einflüsterer  "kommen "von hinten" und sind für  den Sitzenden unsichtbar, so daß es  ihm unmöglich ist, das derart  suggerierte a priori abzulehnen.  Insofern also unterliegt er einem  'Existenzurteil', das ihn zunächst dazu  zwingt, das von Außen Aufoktroyierte  anzunehmen. Diese - vorausgehende .  enteignende Assimilation ist letztendlich  das, was Identität innerhalb eines sozio symbolischen Feldes identifizierbar   macht und synchron dazu auf ihre  Startbedingungen verweist. Das somit  Sichtbare transportiert also einerseits  die namhafte Entität eines Egos im Netz  des Symbolischen, andereneits auch  seine individuellen. autobiographischen  Konditionen im sozialhistorischen  Raum. In der Identifikation mit dem  Namen aber 'wählt' das Subiekt nur  das, war ihm sowieso gehörte und  konstruiert so seine Identität: Jeder  Mensch markiert sich durch seine  spelifische Selbstbeschreibung, seine  individuelle Ich-Geschichte Und wird  andererseits durch jene (zuerst)  markiert.
 Da auf permanente Ratifizierung seiner Exstenz angewiesen bleibt das Indivlduum seinem Anderen radikal zugewandt. Das Außen entpuppt sich jedoch als dynamisch, als ununterbrochenes Wechselspiel der Fesselspiele, da der flüsternde "wer" nicht wiedererkennbar derselbe ist. Doch verhilft "JANDL" die wiederholende Identifikation mit dem autobiographischen Ort des Namens dazu den Persistenten kontextuellen Wandel nicht nur als Hinweis auf die eigene Desorientierung und Intransparenz ("sein ich's oder sein ich's nicht"). sondern auch als Sanktion dieses Ortes aufzufassen, von dem "JANDL" jedoch
festhält, daß er mit einem "sessel", also mit der trägen, blockierenden Differenz koinzidiert, die er selbst ist. Hier und in der Abhängigkeit vom "wer" zeigt sich, daß Identität keine einseitig automatisierende, substantielle oder totalitäre Korsettierung des Eigenen meinen muß. Vielmehr kann sie ebenso als relational-variabel und doch autonom unterscheidendes Gerüst akzentuiert werden, daß seinen konstruktiv erzeugten - Organisationsvorteil zu Reflexion und Selbstbeschreibung nutzt, um innerhalb sozialer Realität zu operieren, d.h. diese Realität zu motivieren. Vergessen werden darf jedoch nicht, daß Identität in dem Moment zum Problem wird, wo sie den "sessel", 
Zitat 8
also das Leere und Verfehlte ihres Seins ignoriert oder zu verschleiern sucht um dann, auf Basis dieser irreführenden perspektivischen Illusion , einen objektiven oder exklusiven Rang zu beanspruchen. An diesem Punkt biegen sich die im Text gezogenen Linien an ihren Beginn zurück: Wenn die postmoderne Theorie eines inkonsistenten, unbegrenzt multiplen, sich ständig neu konstruierenden Subjekts in ihrer Mainstreamversion zu einem selbstzufriedenen Genießen der Dezentralisierung geführt hat und damit unversehens zum Komplizen des Konservatismus und seiner Radikalisierungen wurde, 
Zitat 9
bietet das Konzept einer zwar mangelhaften und provisorisch gefaßten, aber dennoch präsenten nicht- identischen Identität immerhin die Chance einer aktiven, strategischen Selbstbeschreibung und enthält somit einen Impuls um innerhalb des Politischen erneut beweglich zu werden. Auf dem Spiel steht also eine Identität, die um ihr taktisches Profil weiß und daher kein identisches beansprucht. Präzise hier aber kann das Potential zu einer Destabilisierung und Ablösung maroder Realitätsmodelle liegen. 
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1 Zuletzt Diedrich Diederichsen Freiheit macht arm. Köln 1993. Vgl z.B. 123ff. u. 2o8.  
2 In: Peter Weibel/Christa Steinle. Identität:Differenz. Wien. Köln. Weimar 1991, 566 . 574. 
3 Der "Herrensignifikant" als Signifikant ohne Signifikat ist der Signifikant, der ein Subjekt für einen anderen Signifikanten repräsentiert, wie auch der Signifikant, der performativ die Identität eines Feldes konstituieren kann.  
4 Ders. Archäologie amerikanischer Anarchismen In: TzK 5/1992, IZ3  
5 Somit aber bleibt das Andere auf der Fläche des Einen permanent präsent und kann also jederzeit "zurückkehren".  
6 Hier wird auch deutlich, warum der Nazirock sich durch jugendkulturell dissidente 'Kontexte' nicht aufhalten ließ: weil es diese Kontexte von Anfang an nicht gab. Erst nach dem Zusammenbruch wurde intensiv über die Notwendigkeit "einen Rahmen zu konstruieren" (Diederichsen) nachgedacht. - 50 z.B Diedrich Diederichsen. The kids are not allright. In: SPEX 11/9S, 28 - 34  
7 Vgl. dazu Rall Niemczyk. Blaupause Punkrock. In: SPEX 1/1993. 31f. sowie auch Diederichsen 1993. A.a.O. 254  
8 Sie scheinen nicht mehr in der Lage, die fundamentale Differenz. die allen Projekten zugrundeliegt, die wir je in jugendkultureller Praxis gesehen haben festzustellen: den Unterschied zwischen Nazis und ihren Gegnern " (Diederichsen 1992. A.a.O 30).  
9 Ders. ästhetisches Denken Stuttgart 1990. 178. 
  
 Für die Suche nach dem fundamentalistischen Mißton, der vielleicht noch von Prauss völlig herausgearbeitet werden kann, legten- wie in so vielem - die Gedanken von Gottlieb Frege zumindest einen Zipfel frei, als er gegen die Kritik von Benno Kerry seinen Gebrauch des Wortes "Begriff" verteidigte. Wenn Frege bei dem Versuch, eine wissenschaftliche Sprache zu entwerfen, in seinem Bemühen, daß Geflecht der Normalsprache zu entwirren, auch manchmal den Faden am falschen Ende anpackte und damit womöglich Verknotungen und Mißverständnisse noch verstärkte, so machte er dabei dennoch viele Beziehungen kenntlich und auch die Folgende, von der aus man Technik überhaupt vielleicht neu definieren wird. Ich zitiere nur zwei Seiten aus dem Zusammenhang seines Aufsatze "Über Begriff und Gegenstand"  und füge meine entsprechenden Kommentare kursiv in den Text ein:
Frege: Kerry möchte den Unterschied zwischen Begriff und Gegenstand nicht als absoluten gelten lassen. Er sagt: "Wir haben an früherer Stelle selbst der Ansicht Ausdruck gegeben, daß das Verhälrnis zwischen Begriffsinhalt und Begriffsgegenstand in gewisser Beziehung ein eigentümliches, irreduzibles sei; hiermit war aber keineswegs die Ansicht verbunden, daß die Eigenschaften: Begriff zu sein und Gegenstand zu sein einander ausschlössen; die letztere Ansicht daß also Begriff zu sein nicht ausschließt, auch Gegenstand zu sein, und umgekehrt, folgt aus der ersteren so wenig als etwa daraus, daß das Verhältnis zwischen Vater und Sohn ein nicht weiter zurückführbares wäre, folgt, daß jemand nicht zugleich Vater und Sohn (wiewoh! natürlich nicht z.B. Vater dessen, dessen Sohn er ist) sein könne."
 Hier muß man zuerst mal feststellen, wenn Frege von einem Unterschied zwischen Begriff und Gegenstand, und wenn Kerry den Unterschied zwischen Begriffsinhalt und Begriffsgegenstand mein, daß beide dieses durchaus nicht leichtsinnig für das Gleiche nehmen, daß aber auch im Folgenden  Begriff, Gegenstand,Erkenntnis und Wort nicht klar definiert werden. Man kann sich aber ein Wort wie einen Ersatzgegenstand denken, wie wir Geldstücke als Ersatzgegenstände für bestimmte Werte benutzen.
Zum anderen ist das Beispiel denkbar schlecht, weil niemand auf den Gedanken kommen kann, daß Väter etwa nur Begriffe und dann etwa Söhne nur die Gegenstände wären oder umgekehrt.
Knüpfen wir an dies Gleichnis an! Wenn es Wesen gäbe oder gegeben hätte, welche zwar Väter wären, aber nicht Söhne sein könnten, so würden solche Wesen offenbar ganz anderer Art sein als alle Menschen, welche Söhne sind. Ähnliches kommt nun hier vor. Der Begriff -- wie ich das Wort verstehe - ist prädikativ (Fußnote:Er ist nämlich Bedeutung eines grammatischen Prädikats.) Ein Gegenstandsname hingegen, ein Eigenname ist durchaus unfähig, als grammatisches Prädikat gebraucht zu werden. Dies bedarf freilich einer Erläuterung, um nicht falsch zu erscheinen. Kann man nicht ebensogut von etwas aussagen, es sei Alexander der Große, oder es sei die Zahl Vier, oder es sei der Planet Venus, wie man von etwas aussagen kann, es sei grün, oder es sei ein Säugetier? Wenn man so denkt, unterscheidet man nicht (S.194) die Gebrauchsweisen des Wortes ,ist'. In den letzten beiden Beispielen dient es als Kopula, als bloßes Formwort der Aussage. Als solches kann es zuweilen durch die bloße Personalendung vertreten werden. Man vergleiche z.B. ,dieses Blatt ist grün' und ,dieses Blatt grünt'. Wir sagen dann, daß etwas unter einen Begriff falle, und das grammatische Prädikat bedeutet dabei diesen Begriff. In den ersten drei Beispielen wird dagegen das ,ist" wie in der Arithmetik das Gleicheitszeichen gebraucht, um eine Gleichung auszusprechen. Im Satze ,der Morgenstern ist die Venus' haben wir zwei Eigennamen ,Morgenstern' und ,Venus" für denselben Gegenstand. In dem Satze ,der Morgenstern ist ein Planet" haben wir einen Eigennamen: "der Morgenstern" und ein Begriffswort: "ein Planet". Sprachlich zwar ist nichts geschehen, als daß ,die Venus' ersetzt ist durch "ein Planet"; aber sachlich ist die Beziehung eine ganz andere geworden. Eine Gleichung ist umkehrbar; das Fallen eines Gegenstandes unter einen Begriff ist eine nicht umkehrbare Beziehung. 
Und auch bei diesem "fallen unter" ist zwar "Gegenstand " aber ja nicht der Gegenstand selbst gemeint, der da fällt, - aber eben auch nicht etwa ein Wort, und natürlich auch nicht die Vorstellung von diesem Gegenstand, - obwohl ja zu verstehen ist, was von Frege gemeint ist, - nämlich das Ausgesprochene.
Das "ist" im Satze ,.der Morgenstern ist die Venus' ist offenbar nicht die bloße Kopula, sondern auch inhaltlich ein wesentlicher Teil des Prädikats, so daß in den Worten: ,die Venus' nicht das ganze Prädikat enthalten ist. Man könnte dafür sagen: ,,der Morgenstern ist nichts anderes als die Venus", und hier haben wir, was vorhin in dem einfachen ,ist' lag, in vier Worte auseinandergelegt, und in ,ist nichts anderes als" ist nun ,ist* wirklich nur noch die Kopula. 
Hier irrt Frege, wie man weiß, wenn man Prauss gelesen hat.
Was hier ausgesagt wird, ist also nicht die Venus, sondern nichts anderes als die Venus. Diese Worte bedeuten einen Begriff, unter den freilich nur ein einziger Gegenstand fällt. Aber ein solcher Begriff muß
z Icfi braume das Wort .gleich' und das Zeichen .-' in dem Sinne von ,dasselbe wie', ,nichfs anderes als', ,identisch mit'. Man vgl. E. Schröders Vorlesungen über dic Algebra der Logik (Leipzig lS90) l.Bd. s 1, wo jedom zu fadeln ist, daß zwischen den beiden grundverschiedenen Beziehungen des Fallens eines Gegenstandes unter einen Begriff und der Unterordnung eines Begriffes unter einen Begriff nicht unterschieden wird. Auch geben die Bemerkungcn über dir Vollwurzel zu Bedenken Veranlassung. Das Zeichen -( bei SchrödeT vertritt nicht einfach die Copula. (s Vgl. meine Grundlagen S 66 Anm.) immer noch von dem Gegenstande unterschieden werden 4. Wir haben hier ein Wort: ,Venus', welches nie eigentlich Prädikat (S.195) sein kann, wiewohl es einen Teil eines Prädikates bilden kann.
Die Bedeutung' dieses Wortes kann also nie als Begriff auftreten, sondern nur als Gegenstand.
Daß es etwas der Art gibt, würde auch Kerry wohl nicht bestreiten wollen. Damit wäre aber ein Unterschied zugestanden, dessen Anerkennung sehr wichtig ist, zwischen dem, was nur als Gegenstand auftreten kann, und allem übrigen. Und dieser Unterschied würde auch dann nicht verwischt werden, wenn es wahr wäre, was Kerry meint, daß es Begriffe gebe, welche auch Gegenstände sein können. Nun gibt es wirklich Fälle, welche diese Ansicht zu stützen scheinen. Ich habe selbst darauf hingewiesen (Grundlagen § 53 am Ende), daß ein Begriff unter einen höheren fallen könne, was jedoch nicht mit der Unterordnung eines Begriffes unter einen anderen zu verwechseln sei. Kerry beruft sich hierauf nicht, sondern gibt folgendes Beispiel: "der Begriff ,Pferd' ist ein leicht gewinnbarer Begriff", und meint, der Begriff "Pferd" sei Gegenstand, und zwar einer der Gegenstände, die unter den Begriff "leicht gewinnbarer Begriff" fallen. Ganz recht! Die drei Worte "der Begriff ,Pferd' " bezeichnen einen Gegenstand, aber eben darum keinen Begriff, wie ich das Wort gebrauche. Dies stimmt vollkommen mit dem von mir gegebenen Kennzeichen überein, wonach beim Singular der bestimmtc Artikel immer auf einen Gegenstand hinweist, während der unbestimmte ein Begriffswort begleitet. Kerry meint nun zwar, daß man auf sprachliche Unterscheidungen keine logische Festsetzungen gründen könne; aber in der Weise, wie ich das tue, kann es überhaupt niemand vermeiden, der solche Festsetzungen macht, weil wir uns ohne die Sprache nicht verständigen können und daher zuletzt doch immer auf das Vertrauen angewiesen sind, der andere verstehe die Worte, die Formen und die Satzbildung im wesentlichen so wie wir selbst. Wie schon gesagt: ich wollte nicht definieren, sondern nur Winke geben, indem ich mich dabei auf das allgemeine deutsche Sprachgefühl berief. Es kommt mir dabei vor-
Fußnoten
4 Vgl. meine Grundlagen Q 51.
5 Man vgl. meinen Aufsatz Über Sinn und Bedeutung, der demnächst
in der Zeitschrift f. Phil. u. phil. Kritik erscheinen wird. Diese Aus-
gabe S. 40-65. Hrsg.]
6 Grundlagen s 51, § 66 Anm.. s 68 Anm S.80
trefflich zustatten, daß der sprachliche Unterschied so gut mit dem sachlichen übereinstimmt. Beim unbestimmten Artikel ist wohl überhaupt keine Ausnahme von unserer Regel anzumerken, es wären denn altertümliche Formeln, wic ,,ein edler Rat".
Nicht ganz so einfach liegt die Sache beim bestimmten Artikel, besonders im Plural; aber auf diesen Fall bezieht sich mein (Seite196) Kennzeichen nicht. Beim Singular ist die Sache, soviel ich sehe, nur dann zweifelhaft, wenn er statt des Plurals steht, wie in den Sätzen: ,,der Türke belagerte Wien", "das Pferd ist ein vierbeiniges Tier". Diese Fälle sind so leicht als besondere zu erkennen, daß unsere Regel durch ihr Vorkommen an Wert kaum einbüßt. Es ist klar, daß im ersten Satze ,.der "Türke" Eigenname eines Volkes ist. Der zweite Satz ist wohl am angemessensten als Ausdruck eines allgemeinen Urteils aufzufassen, wie: "alle Pferde sind vierbeinige Tiere", oder: "alle wohlausgebildeten Pferde sind vierbeinige Tiere", wovon später noch die Rede sein wird .
(Fußnote 7: Man ist jetzt, wie es scheint, geneigt, die Tragweite des Satzes zu ühertreiben, daß verschiedene sprachliche Ausdrücke niemals vollkommen gleichwertig seien und daß ein Wort nie genau in einer anderen Sprache wiedergegeben werde. Man könnte vielleicht noch weiter gehen und sagen, nicht einmal dasselbe Wort werde von Menschen einer Sprache ganz gleich aufgefaßt. Wieviel Wahrheit in diesen Sätten ist, will ich nicht untersuchen, sondern nur betonen, daß dennoch nicht selten in verschiedenen Ausdrücken etwas Gemeinsames liegt, was ich
den Sinn und bei Särzen im besonderen den Gedanken nenne; mit anderen Worten; es darf nicht verkannt werden, daß man denselben Sinn, denselben Gedanken verschieden ausdrücken kann, wobei denn also die Verschiedenheit nicht eine solche des Sinnes, sondern nur eine der Auffassung, Beleuchtung, Färbung des Sinnes ist und für die Logik nicht in Betracht kommt. Es isr. möglich, daß ein Satz nicht mehr und nicht weniger Auskunft als ein anderer gibt; und trotz aller Mannigfaltigkeit der Sprachen hat die Menschheit einen gemeinsamen Schatz von Gedanken. Wenn man jede Umformung des Ausdrudcs verbieten wollte unter dem Vorgeben, daß damit auch der Inhalt verändert werde, so würde die Logik geradezu gelähmt; denn ihre Aufgabe ist nicht wohl lösbar, ohne daß man sich bemüht, den Gedanken in seinen mannigfachen Einkleidungen wiederzuerkennen. Auch jede Definition wäre als falsch zu verwerfen.)
Wenn nun Kerry mein Kennzeichen unzutreffend nennt, indem er behauptet, in dem Satze "der Begriff, von dem ich jetzt eben spreche, ist ein Individualbegriff" bedeute der aus den ersten acht Wörtern bestehende Name sicherlich einen Begriff, so versteht er das Wort ,Begriff' nicht in meinem Sinne, und der Widerspruch liegt nicht in meinen Festsetzungen. Niemand kann aber verlangen, daß meine Ausdrucksweise mir der Kerrys übereinstimmen müsse.
Es kann ja nicht verkannt werden, daß hier eine freilich unvermeidbare sprachliche Härte vorliegt, wenn wir behaupten: der (197) Begriff Pferd ist kein Begriff(8) während doch z.B. die Stadt Berlin eine Stadt und der Vulkan Vesuv ein Vulkan ist. Die Sprache befindet sich hier in einer Zwangslage, welche die Abweichung vom Gewöhnlichen rechtfertigt. Daß unser Fall ein besonderer ist, deutet Kerry selbst durch die Anführungszeichen  beim Wore ."Pferd" an -- ich gebrauche zu demselben Zwecke kursive [*] Schrift. Es lag kein Grund vor, die Wörter "Berlin" -  und ,,Vesuv" in ähnlicher Weise auszuzeichnen. Man hat bei logischen Untersuchungen nicht selten das Bedürfnis, etwas von einem Begriffe auszusagen und dies auch in die gewöbnliche 
Form für solche Aussagen zu kleiden, daß nämlich die Aussage Inhalt des grammatischen Prädikats wird. Danach würde man als Bedeutung des grammatischen Subjekts den Begriff erwarten;  aber dieser kann wegen seiner prädikativen Natur nicht ohne weiteres so erscheinen, sondern muß erst in einen Gegenstand verwandelt werden, oder, genauer gesprochen, er muß durch einen Gegenstand vertreten werden, den wir mittels der vorgesetzten Worte ,,der Begriff" bezeichnen, z. B. 
"der Begriff Mensch ist nicht leer".
Hier sind die ersten drei Wörter als Eigenname(10) aufzufassen, der ebensowenig prädikativ gebraucht werden kann wie etwa Berlin" oder ,Vesuv". Wenn wir sagen: ,,Jesus fällt unter den Begriff Mensch", so ist das prädikat (von der Kopula abgesehen) 
,,fallend unter den Begriff Mensch",

Fußnoten
8 Ähnliches kommt vor, wenn wir mit Beziehung auf den Satz "diese Rose ist rot" sagen: das grammatische Prädikat ,ist rot' gehört zum Subjekt "diese Rose". Hier sind die Worte ,,das grammatische Prädikat ,ist rot' ' nicht grammatisches Prädikat, sondern Subjekt. Gerade dadurch, daß wir es ausdrücklich Prädikat nennen, rauben wir ihm diese Eigenschaft.
9 Vgl. meine Grundlagen S. X. 
10 Eigennamen nenne ich jedes Zeichen für einen Gegenstand.

und das bedeutet dasselbe wie
"ein Mensch".
Von diesem Prädikate ist aber die Wortverbindung
"der Begriff Mensch"
nur ein Teil.
Man könnte gegen die prädikative Natur des Begriffes geltend machen, daß doch von einem Subjektsbegriffe gesprochen werde.
Aber auch in solchen Fällen, wie z. B. in dem Satze
"alle Säugetiere haben rotes Blut"
ist die prädikative Natur(11) des Begriffes nicht zu verkennen;
denn man kann dafür sagen:
"was Säugetier ist, har rotes Blut",
198
oder
"wenn etwas ein Säugetier ist, so hat es rotes Blut".
 
 

Ich weiß nicht, ob es zwischen Frege und der modernen Malerei Beziehungen gab, und sicher wäre es übertrieben, hier von einem Einfluß der Kunst auf die Mathematik zu sprechen, aber unwillkürlich denke ich bei vorigem Texten wie überhaupt bei Frege an Paul Césanne und Pablo Picasso, an DADA, an den Surrealismus und an Bruno Ernst und M. C. Escher mit den perspektivischen Unmöglichkeiten, und sicher ist Frege samt der Situation der Mathematik ein Kind oder ein Ereignis der Moderne und des gleichen Qualifikationsgrades an Reflektionsbereitschaft. Ein Mathematiker und Philosoph wird mich deswegen wahrscheinlich für gänzlich inkompetent halten, wenn ich unbesehen, d.h. ohne das Richtige zu behaupten, viele Behauptungen Freges oder womöglich alle für falsch halte, die die Prämisse zu einer Schlußfolgerung zu sein scheinen, wobei ich aber die Schlußfolgerung oder die folgende Aussagen dann für wichtige Erkenntnisse halte, die ohne jene Verzerrung gar nicht erkennbar geworen wären, weswegen ich eben auch in gleicher Weise nicht das Bedürfnis oder die Notwendigkeit empfinde, wie etwa auf die oft in der Höhe versetzten Augen in Porträts bei Picasso, auf die anatomische Richtigkeit oder Falschheit 8in moderner Malerei hinzuweisen. 
In seinem Aufsatz "Über die wissenschaftliche Berechtigung einer Begriffsschrift" z.B. behauptet Frege, "Denn der sinnlichen Zeichen bedürfen wir nun einmal zum Denken . . ." oder später im gleichen Vortrag: " . . denn in Worten denken wir trotzdem und wenn nicht in Worten, doch in mathematischen oder anderen Zeichen." - dem ich so selbstverständlich nicht zustimmen kann, als wenn jemand von einem Sonnenaufgang zu einer bestimmten Zeit spricht, so daß ich gar nicht an eine Richtigstellung denke, was das Richtige in seinem Gedanken auch nur verwischen würde, und so einen viel wichtigeren Gedanken von Frege, der in sich bereits das Gegenteil besagt, um so deutlicher sehe, wenn er in seinem Vortrag über "Funktion und Begriff" folgert: " Die jetzt sehr verbreitete Neigung, nichts als Gegenstand anzuerkennen, was nicht mit Sinnen wahrgenommen werden kann, verleitet dann dazu, die Zahlzeichen selbst für die Zahlen, für die eigentlichen Gegenstände der Betrachtung zu halten; und dann wären ja freilich 7 und 2+5 verschieden. Aber eine solche Auffassung ist nicht zu halten, weil man gar nicht von irgendwelchen arithmetischen Eigenschaften der Zahlen sprechen kann, ohne auf die Bedeutung der Zahlzeichen zurückzugehen. Die Eigenschaft der 1 z.B., mit sich selbst multipliziert sich selbst wieder zu ergeben, wäre eine reine Erdichtung; keine noch so weit getriebene mikroskopische Untersuchung könnte jemals diese Eigenschaft an dem unschuldigen Gebilde entdecken, das wir Zahlzeichen Eins nennen. Man spricht vielleicht von einer Definition; aber keine Definition ist in der Weise schöpferisch, daß sie einem Dinge Eigenschaften verleihen könnte, die es nun einmal nicht hat, außer der einen, das auszudrücken und zu bezeichnen, wofür die Definition es als Zeichen einführt." - Was ja dann auch bedeutet, daß auch Inhalt und Bedeutung nicht durch die Form bestimmt werden und von ihr abhängen.

Konkreter können wir uns aber nach Frege vorstellen, um es einfach zu machen, daß z.B. ein künstlich gefertigter Gegenstand einen Namen bekommt, wie z.B. "Tisch", wobei dann dadurch, daß 
· 1. viele Tische und viele Arten von Tischen hergestellt werden, und daß
· 2. viele oder alle Menschen einen Tisch wie auch den Namen "Tisch" kennen, 
dann aus dem Namen ein prädikativer Gegenstand und Begriff wird - und der damit dann Bestandteil unseres Bewußtsein ist .
Ich will einen solchen Sinnwandel des Wortes später noch einmal von einer anderen Seite illustrieren.
Die Bedeutung, bzw. den Begriff, oder das Allgemeine des Begriffs als Funktion des Tisches -und zwar des Gebrauchsgegenstandes - kann man natürlich ebensowenig mit Hilfe eines Mikroskopes an dem Holz oder den Nägeln oder der Form oder Farbe des Tisches feststellen, wie das entsprechende an dem geschriebenen Wort als einen Gegenstand aus Tinte, den man als Zeichen oder Code für den Tisch festgesetzt hatte. Das ist die große philosophische Aussage Freges hinter allem und birgt den Schlüssel, viele Mißverständnisse nicht nur in der Mathematik sondern auch in Soziologie und Politik aufzuklären, obwohl es natürlich ärgerlich ist, daß man sagen möchte, alles sei trotzdem falsch, und Frege wie die DADAisten hätten vergessen, daß wir uns auch damit letztlich doch weiter an empirischen Formen orientieren, - ob man wie ursprünglich von dem konstruierten, zusammengenagelten Gestell ausgeht, oder dann von dem Wort mit der allgemeinen Bedeutung "Tisch", oder nun bei Frege (13) von einem Begriff, der nun als Funktion dargestellt wird, wobei man solches 


( Fußnote 13   Siehe seinen Vortrag über "Funktion und Begriff"!: "Ich sprach das so aus: Die Funktion x(x-4) hat denselben Wertverlauf wie die Funktion x²-4x. Wenn wir schreiben x²-4x=x(x-4), so haben wir nicht eine Funktion der anderen, sondern nur die Funktionswerte einander gleichgesetzt. Und wenn wir diese Gleichung so verstehen, daß sie gelten soll, was für ein Argument auch für x eingesetzt werden möge, so haben wir damit die Allgemeinheit der Gleichung ausgedrückt. · · · · · · · · · · so daß wir in e(e-4e) = á(a[a-4])den Ausdruck dafür haben, daß der erste Wertverlauf derselbe wie der zweite ist. · · · · · x²-4x=x(x-4) drückt zwar denselben Sinn aus, wenn wir es wie oben verstehen, aber in anderer Weise. Es stellt den Sinn da als Allgemeinheit einer Gleichung, während der neu eingeführte Ausdruck einfach eine Gleichung ist, deren rechte Seite sowohl wie die linke eine in sich abgeschlossene Bedeutung hat. · · · · · · · · · · Die sprachliche Form der Gleichung ist ein Behauptungssatz. Ein solcher enthält als Sinn einen Gedanken - oder macht wenigstens Anspruch darauf, einen z7u enthalten -; und dieser Gedanke ist im Allgemeinen wahr oder falsch; ("Diese Konstruktion ist ein Tisch." (von mir eingefügt)) d.h. er hat im allgemeinen einen Wahrheitswert, der ebenso als Bedeutung des Satzes aufzufassen ist, wie etwa die Zahl 4 die Bedeutung des Ausdruckes "2+2" ist, oder wie London die Bedeutung des Ausdruckes "Englands Hauptstadt" ist.
  Fußnote 14: Frege in seinem Vortrag über Funktion und Begriff: "Daß es nun möglich ist, die Allgemeinheit einer Gleichung zwischen Funktionswerten als eine Gleichung aufzufassen, nämlich als eine Gleichung zwischen Wertverläufen, ist, wie mir scheint, nicht zu beweisen, sondern muß als logisches Grundgesetz angesehen werden.")
 
bezüglich festgelegter Zeichen oder auch konstruierter Tische nur um etwas verschiebt. 
Ich kann den ersten Äger über die Modernen Maler und erst recht den Ärger über die DADAisten sehr gut nachvollziehen, - wie aber auch einen Ärger über Frege - die mit einer alternativen Form einmal ein mögliches Mißverständnis bezüglich alter Formen aufdecken, jedoch dann wieder "formal" "in anderer Form" weitermachen und dabei von Wahrheit sprechen, obwohl an den Darstellungen wie bei Frege nichts mehr in gewohnter Weise stimmt.. 
Wenn Frege formuliert, daß er eine andere Bezeichnungsweise einführt, - "Wenn wir schreiben x²-4x=x(x-4), so haben wir nicht eine Funktion der anderen, sondern nur die Funktionswerte einander gleichgesetzt. Und wenn wir diese Gleichung so verstehen, daß sie gelten soll, was für ein Argument auch für x eingesetzt werden möge, so haben wir damit die Allgemeinheit der Gleichung ausgedrückt.",  um nämlich dieses "Allgemeine" genauer verständlich zu machen, dann klingt so etwas wie "offiziell" in dem "allgemein" zwar mit, aber er denkt dabei nicht an einen sozialen Akt bezüglich der Allgemeinheit von Menschen die z.B. von einer Vielzahl von Tischen und von einer Vielzahl von Tischformen weiß oder für die die "Zahl" ein allgemeinbekannter bestimmter Begriff ist für die Vielzahl aller Zahlen und wobei x in der Mathematik für irgendeine Zahl praktisch ein ungenaues Zeichen für "Begriff Zahl" und damit nur ein neuer Begriff für "Begriff Zahl" ist, das durch die Funktion weiter präzisiert wird. 
Und Frege meint mit Allgemeinheit sicher auch nicht den offiziösen Stil einer Rede derart, daß mit "allgemein" rhetorisch verstanden zugleich ein funktionelles Wahrheitspathos verbunden ist. 
Und wenn bei Frege hierbei der Begriff zu einer Funktion wird, denkt er nicht an eine gesellschaftliche oder gar politische Funktion, die nun von der Form einer Schreibweise oder Sprachweise auf das Denken der Allgemeinheit einwirkt oder an eine entsprechende Correlation vom Denken des Einzelnen, der eine solche Formel aufschreibt und dem Denken der Allgemeinheit, die eine solche Formel liest und als Sprache wie als Wahrheit oder Unwahrheit akzeptiert und glaubt oder ablehnt und nicht glaubt, aber er sieht hier ein logisches Grundgesetz,  auf das wir bei Frege derart reflektieren können, wie bei jeder abstrakten oder ungegenständlichen Malerei oder Plastik. 
Wenn Frege dann einen Gegenstand folgendermaßen beschreibt: 
Frege: "Funktion und Begriff" (15) "Wenn wir Gegenstände ohne Einschränkung als Argumente und als Funktionswerte zugelassen haben, (von mir als Beispiel: "Diese in Form und Farbe sichtbare, fühlbare Kunstruktion oder dieser Gegenstand ist ein Tisch.") , so fragt es sich nun, was hier Gegenstand genannt wird. Eine schulmäßige Definition halte ich für unmöglich, weil wir hier etwas haben, was wegen seiner Einfachheit eine logische Zerlegung nicht zuläßt. Es ist nur möglich, auf das hinzudeuten, was gemeint ist. Hier kann nur kurz gesagt werden: Gegenstand ist alles, was nicht Funktion ist, dessen Ausdruck also keine leere Stelle mit sich führt.
Ein Behauptungssatz enthält keine leere Stelle, und darum ist seine Bedeutung als Gegenstand anzusehen. Die Bedeutung aber ist ein Wahrheitswert. Also sind die beiden Wahrheitswerte (von mir: "der Formel e(e-4e) = á(a[a-4])") Gegenstände." · · · · · 
dann ist dieses nichts anderes als ungegenständliche Malerei oder Darstellung, in der in gleicher Bescheidung nicht mehr abgebildet wird, oder eine Abbildung als Ebenbild angestrebt bzw. vorgegeben sondern gezeigt, gezeichnet oder angedeutet wird.

Dieser Vergleich der Mathematik mit DADA, mit Mail-Art und der Malerei klingt nun in der Tat vielleicht ziemlich abstrakt und bis hierhin vielleicht sogar wie an den Haaren herbeigezogen. Und vielleicht hat jemand den Eindruck, daß ich mich mit großen Namen schmücken und wichtigtun möchte, wenn ich im Folgenden neben Frege auch Kant und Prauss zitiere, weil ich nun tatsächlich von der Mathematik keine und von der schulischen Philosophie wenig Ahnung habe.
Natürlich bin ich stolz, die großen Namen nennen und zitieren zu können. Stolz bin ich aber vor allen Dingen, daß es überhaupt solche Leute gibt, denen es um die Sache und um Richtigkeit geht und nicht nur um parteiliche rhetorische Wühlerei, mit der ich normaler Weise zu tun habe, was ich am Ende des Briefes noch kurz beschreibe, die als Verbohrtheit aber letztlich besonders bei den Besten und Begabtesten wie Schwering wohl auf Unkenntnis und nicht auf blödes Vasallentum zurückzuführen ist.
Ich schicke Dir mit diesem Brief das Büchlein "Funktion, Begriff, Bedeutung" mit fünf kleinen allgemeinverständlichen Aufsätzen von Frege , in dem Du die Zitate nochmal im Zusammenhang lesen kannst, wenn Du willst. Frege ist, wie Du sehen wirst, wie die Moderne, wie Mail-Art und DADA Grenzgänger. Grenzgänger ist er nicht nur, - aber auch das! - weil er die Grenze von der Mathematik zur Sprachwissenschaft und Philosophie und insbesondere zum Normalsprachigen aufstößt oder schlicht ignoriert, (leider nicht ausdrücklich auch zur Kunst!) sondern viel grundsätzlicher, weil er im Unterschied zu seinem großen Kollegen David Hilbert, dem man auf seinen Grabstein den Spruch schreiben ließ "Wir müssen wissen. Wir werden wissen.", geradezu schlafwandlerisch mit mathematischer Präzision und Rücksichtslosigkeit in den Bereichen zwischen "ignoramus et ignorabimus" (wie wissen nicht und wir werden nicht wissen,) und einem platonischen Glauben an die handgreifliche Realität des Gedachten hin und her wandelt, und es zugibt und bezeichnet.
Ärgerlich macht Frege, wenn man beim Lesen plötzlich nicht mehr weiß, ob er nun von der Bedeutung, von dem Sinn, von dem Begriff, von der Funktion, von dem Gegenstand oder dem Wort eines Ausdruckes spricht und wie er solches definiert oder als Bedeutung nur angedeutet hatte und wenn man drei Mal die Sätze vorher grammatisch wieder durchgehen muß. Wenn man sich diese 7 Aspekte unseres Denkens nach der Auffassung von Frege aber auf einen kleinen Zettel notiert hat und man dann den Sinn einer Bedeutung und die Bedeutung des Sinns nicht mehr durcheinander bringt, fühlt man einerseits vielleicht, daß vieles nicht stimmen kann, was aber eben erst dadurch auffällt, und was erst in unseren Tagen durch Prauss, also mehr als hundert Jahre nach Frege dann andererseits auch überhaupt erst verstanden werden kann, - wenn man dieses als Laie auch wiederum als neues Ufer neuer Einsicht nur ahnt oder fühlt. 
Wenn Frege zur Frage der Identität in seinem Aufsatz "Über Sinn und Bedeutung" mit der Bemerkung beginnt, daß "die Entdeckung, daß nicht jeden Morgen eine neue Sonne aufgeht, sondern immer dieselbe," zeichnet er mit diesen wenigen Worten eben nicht nur ein eindrucksvolles Bild der Entwicklung menschlichen Denkens zu immer mehr Richtigkeit oder zu immer weniger Irrglaube, was sich mit folgenden Namen und Daten weiter ausmalen läßt: 
Ptolemäus Claudius, bekanntester Geograph, Mathematiker u. Astronom des Altertums, lebte um 140 n. Chr. in Alexandria. begr. er das geozentr. Ptolemäische Weltsystem (die Erde als Mittelpunkt des Planetensystems).
Kopernikus (Copernicus,) Nikolaus, * 1473, 1543, dt. Astronom;
Kepler Johannes, * 1571, 1630, dt. Astronom;
Galilei Galileo, * 1564, 1642, ital. Naturforscher;
Newton (Isaak) ['nju:tÖn] Sir Isaac, * 1643, 1727, engl. Physiker, Mathematiker u. Astronom;
Gottlob Frege geb. 8. 11. 1848 in Wismar gest. 26. 7. 1925 in Bad Kleinen; lehrte in Jena.
Hilbert David, * 1862, 1943, dt. Mathematiker; Arbeiten über die »Grundlagen der Geometrie« (1899),
Einstein Albert, * 1879, 1955, dt.-amerik. Physiker; 
sondern er zeichnet damit und besonders durch diese Aufsätze auch ein Bild unseres gegenwärtigen Zustandes des noch Irrens, Suchens und Versuchens.
Aber, wenn er Begriffe wie Allgemeinheit und Wahrheit zu Bestandteilen von mathematischen Formeln und Sätzen macht, oder eigentlich die "Allgemeinheit" und Wahrheit als bereits schon immer für uns bestehender Bestandteil unserer Formeln und Sätze nachweist, mit deren Hilfe wir ja Maschinen bauen, Sprengungen und irrsinnige Energien berechnen und lenken, so wird es geradezu unheimlich, - so falsch oder ungenau solches Denken auch immer sein mag, - die Wahrheit, den Glauben daran und die "Allgemeinheit" zusammen als Faktoren in einer mathematischen Formel zu entdecken, die sich entsprechend wie eine Sprengladung berechnen und anwenden läßt und gewollt oder ungewollt auch politisch auswirkt, was mit Blick auf die weltanschaulichen Katastrophen unseres Jahrhunderts und auf den sozialistischen Materialismus der jüngsten Vergangenheit und der kaum zu entgehenden Zukunft von beängstigender Aktualität ist, andererseits aber auch den Schlüssel bietet, vergangene und gegenwärtige gesellschaftliche Ereignisse und auch den modernen Fundamentalismus zu verstehen und ihm zu begegnen, weil man Dank dieser Darstellung und der gigantischen Arbeit von Prauss heute eben nachweisen kann, daß und weshalb diese totsichere Wahrheit solcher Formeln und Sätze eben Irrglaube oder Aberglaube ist, wie er in dem Aufsatz von Schwering "Anders eigen" als Zeitgeist oder Ungeist gezeichnet, vertreten und zugleich kritisiert wird.
Mit einer Horrorvorstellung, die mich in Birma überkam, und an die ich mit den derart ja gemachten Massenselbstmorden der Sonnenanbeter wieder erinnert wurde, will ich das Ausmaß solcher Machbarkeit als Gefahr verdeutlichen: Wenn es z.B. seit langem "allgemein" die Regel wäre, daß der Mensch sich nicht mehr die zufällige Geburt wie auch nicht mehr den zufälligen Tod leisten kann, wofür es in hundert Jahren bei einer vielleicht 100fachen Weltbevölkerung sicher viele Argumente geben würde, und der Mensch ab etwa 50 oder später ab 40 oder dann ab 38 Jahren alle Rechte auf Wohnung, Versorgung und Nahrung verliert und - 'wie alle Menschen nun einmal sterben müssen', - sich in einem Krankenhaus melden muß, um bei allem geistlichen Beistand und Anstand und Würde zu sterben, - wobei sich ja an den Trost- und Beileidsformeln und an echtem Leid und echter Angst zu heutigen Verhältnissen nichts wesentliches ändern würde, - nur daß der Tod eben durch eine Medizin verabreicht würde, dann wäre - wie heute - das Sterben eine Trivialität, das offiziell ja immer nur die anderen trifft und als besonderes Ereignis immer nur außerhalb der Formel stattfindet. 
Diese Horrorvorstellung vervollständigt sich noch nicht einmal, wenn ich mir dabei die heutigen Extreme am Rande aller Metropolen etwas "perfektioniert" denke, wenn heutige Slams und Gefängnisse dann Durchgangslager für Verweigerer und die heute bestehenden Reservate für Stars, Prominenz und Uperclass etwas verändert Bereiche werden, wo wichtigen und verdienstvollen Menschen ein natürliches oder ein auf das mehrfache künstlich verlängertes Alter ermöglicht würde.Den eigentlichen Horror empfinde ich bei der Vorstellung, daß man solches sprachlos als selbstverständlich hinnehmen und im Sinne von Formeln und Sätzen sogar theologisch verteidigen kann, und daß es funktionieren würde, wie auch die Atombombe funktioniert. 
Bewahre uns Gott vor solchen Fehlern, die letztlich aufgrund bestimmter Denkstrukturen möglich sind.
Wenn Frege formuliert: "Wenn wir schreiben x²-4x=x(x-4), so haben wir nicht eine Funktion der anderen, sondern nur die Funktionswerte einander gleichgesetzt. Und wenn wir diese Gleichung so verstehen, daß sie gelten soll, was für ein Argument auch für x eingesetzt werden möge, so haben wir damit die Allgemeinheit der Gleichung ausgedrückt." 
dann kann dieses zehnmal widerlegbar und falsch sein und trotzdem in der Art zutreffen, daß wir Menschen tatsächlich so denken und uns eben so verhalten und dann auch so behandelt werden können. Mit "Allgemeinheit" ist eben niemals nur die Allgemeinheit der Zahlenwelt gemeint, als könne es diese außerhalb des Menschen als eigene Welt mit eigenen aollgemeinen Regeln geben, sondern Allgemeinheit bedeutet zugleich ja immer auch "für alle Menschen verbindlich". Und es würde den Rahmen dieses Briefes und seine Konzeption sprengen, - und vielleicht tatsächlich auch meine Kompetenz - wollte ich nun im Einzelnen bereits beginnen, unser gewohntes Verhalten und Denken aufzuschlüsseln, ob nun z.B. eine Uniform gleichzusetzen wäre mit Anführungsstrichen oder ob die Aussage eines Uniformierten dann in runden oder eckigen Klammern vor oder über einem Bruchstrich zu stehen hätte, und wann solche bei einem normalen alltäglichen Geschehen dann als Funktion, Begriff oder Gegenstand bewertet wird, und wieweit dann Aktion und Reaktion auf angeborene oder anerzogene Muster oder auf kosmische Gesetze rückführbar sind. Es kann mir in diesem Brief nur darum gehen, aus der Sprachlosigkeit gegenüber solcher Verfangenheit herauszukommen, denn meine ganze Mail-Art-Aktion mit Internet und Homepage der nächsten 4 Jahre zielt dahin, aus der peinlichen Situation der Modernen den Ausweg zu versuchen, statt in billigen formalistischen Fundamentalismen zu verfallen, wogegen auch Schwering anwill, daß man nämlich selbst 50 Jahre nach den faschistischen Bücher- und Bildervernichtungen noch nicht in der Lage ist, die moderne Malerei zu begründen, wie es die Fernsehdiskussion kürzlich mit Kishon zeigte (dessen provozierende Kritik ich wunderbar fand), bei der Künstler sowenig wie Kunstwissenschaftler in der Lage waren, das tiefe intuitive Anliegen zu formulieren, wobei selbst das Naheliegendste, daß die Moderne und jedes gute wie schlechte Bild der Moderne schlicht ja auch eine Möglichkeit und als solche ja gerade als die von Kishon kritisierte Beliebigkeit menschliche Freiheit ist, nicht einmal zur Sprache kam.

Fortsetzung folgt

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